"Snowpiercer": die soziale Kälte nach Ausbruch der Klimakatastrophe

Feuilleton | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 17/14 vom 23.04.2014

Was von der Menschheit übrig geblieben ist, rast in einem Zug dahin. Seit der Klimakatastrophe 17 Jahre zuvor ist der Snowpiercer eine Arche Noah auf Schienen, die über die ewige Eiskugel Erde rattert: ein in sich abgeschlossenes Ökosystem, angetrieben von der Maschine des gottgleichen Wilford (grenzgenial: Ed Harris im Morgenmantel), die ohne Unterbrechung immer weiterfahren muss.

Blöderweise hat mit der Menschheit auch die Klassengesellschaft überlebt, und am Zugende fängt's alle paar Jahre wieder zu rumoren an. Kopf der Revolution ist Gilliam (John Hurt), deren Anführer wider Willen ein gewisser Curtis (Chris Evans).

Mithilfe des drogensüchtigen Ex-Sicherheitschefs (Kang-ho Song) und seiner hellseherisch veranlagten Tochter kidnappen die Aufständischen die böse Ministerin (groß: Tilda Swinton) und schlagen sich von der Schmarotzerklasse durch die Economy- und Erste Klasse nach vorne durch.

"Snowpiercer" basiert auf der in den 1980er-Jahre erschienenen französischen Graphic Novel "Transperceneige" und wartet in jedem neu eroberten Wagen mit einer Überraschung auf.

Oft wechseln dabei auch Tempo und Tonart der Inszenierung, vom Küchenwaggon (der Sci-Fi-Klassiker "Soylent Green" lässt grüßen) über den Schulzimmerwaggon (zuckerlbunt und tödlich wie in einer Geschichte von Roald Dahl) sowie die Abteile der Herrenausstatter und Damencoiffeure bis zu den Nobelrestaurant-,Dancefloorund Saunalandschaftswaggons.

Die großartige Idee, den Klassenkampf an Bord eines Zugs auszutragen, der als Metapher für die Gesellschaft steht, wurde übrigens im Kino schon einmal erzählt - anno 1929 in "Der blaue Express" von Ilja Trauberg. Nur dass die Geschichte im sowjetischen Revolutionsfilm noch gut ausgeht und der Zug am Ende schnurstracks zur Sonne auffährt.


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