Selbstversuch

War das jetzt wirklich notwendig?

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 17/14 vom 23.04.2014

Bissl stolz, denn den ersten Winter seit fünf Jahren habe ich nicht geraucht. Obwohl: Einmal, nach der Party von der N., hat man sich, kurz vor ein Uhr früh, am Balkon ganz still eine winzige Zigarette genehmigt, und selbstverständlich wurde man von einem Kind, das um diese Zeit längst schlafen sollte, ertappt und anderntags prompt beim Langen verpetzt. Der Lange hat gesagt, dass man das Kind in größte Sorge versetzt habe, in einem War-das-wirklich-notwendig?-Tonfall.

Natürlich raucht der Lange. Nicht nur im Winter oder hin und wieder, auch nicht jeden Tag, aber doch regelmäßig. Und natürlich haben die Mimis immer wieder Druck auf ihn ausgeübt, damit aufzuhören, weil man davon tot wird und so weiter. Aber was bei der Mutter jedes Jahr nach ein paar Wochen Tschickerei die beabsichtigte Wirkung hatte, prallt am Langen seit Jahren ab. Also setzt man bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder die unter Druck, bei der es funktioniert, ungeachtet der Tatsache, dass die dreimal die Woche zum Sport geht und sich gesund ernährt und alles: urunfair, um es mit einem beliebten Mimiwort zu sagen. Und es ist, glaube ich, auch keine gute Schule fürs Leben, wenn schon Minderjährige den Hebel aufgrund von Widerstand nicht dort ansetzen, wo er hingehört, sondern dort, wo es tatsächlich gar nichts zu hebeln gibt, das aber mit viel besserer Resonanz.

Immerhin bin ich mittlerweile weitgehend immun gegen schlechtes Gewissen, wenn es ums Essen geht. Wobei da weniger die Mimis Druck machen als die US-Bloggerinnen, die mir ständig unterstellen, dass ich das Körperbewusstsein meiner Kinder gefährde und ruinier, wenn ich nicht endlich aufhöre, mich so verantwortungslos gegen meine natürliche, von Gott vorgesehene Bladheit zu stemmen. Bitte! Soll jeder blad sein, wie er will! Blad ist super! Mir gefallen blade Leute, und gerade habe ich die neuen Lena-Dunham-Fotos vom Set von "Girls 4" bewundert: Ja, cool, so sollen junge Frauen durch die Welt gehen, und nichts scheißen sollen sie sich, wunderbar.

Weil jede so aussehen soll, wie es ihr gefällt, und danke, dass das auch für mich gelten darf, selbst wenn es bedeutet, dass meine Kinder, oh Bloggerinnen-Horror, manchmal ohne meine Partizipation zu Abend essen müssen. Ja, mir ist klar, dass sie deswegen wahrscheinlich bald anorektisch werden oder drogensüchtig oder Raucherinnen, wegen mir: Mutters Schuld, Mutters Schuld, Mutters große Schuld.

Am Ende ist das natürlich genau der Grund, warum immer und immer schon die Frauen unter Druck gesetzt und unterdrückt werden: weil man es kann. Weil es bei Frauen funktioniert, immer wieder, und besonders gut bei Müttern. Insofern ist man als Frau vielleicht das bessere Vorbild, wenn man sich nicht kleinkriegen lässt, auch nicht von den Wünschen und Vorstellungen derjenigen, denen man Vorbild sein soll. Ich sag's euch gleich, eventuell rauche ich heute Nacht draußen eine kleine Zigarette, und wer nicht schläft, ist selber schuld.


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