Espresso statt Bresse

Otto Bayer ist Tiroler und macht in Wien italienischen Kaffee aus Garmisch

Stadtleben | aus FALTER 17/14 vom 23.04.2014


Genau 27 Jahre lang hatte Otto Bayer ein Hotel-Restaurant in Niederndorf bei Kufstein, galt dort als einer der Versteher französischer Küche und bekam deshalb viel Lob und auch die eine oder andere Haube.

Dann erhielt er ein attraktives Angebot eines Gewerbebetriebs für seine Liegenschaft rundherum, und weil er sein Hotel und Restaurant eigentlich nicht in der Nachbarschaft einer Betriebsansiedelung haben wollte und 27 Jahre in der Gastronomie aber eh kein Lercherl sind, verkaufte er mit Putz und Stängel.

Das war 2007, seitdem beriet Bayer Gastronomiebetriebe und hatte vor allem die Zeit, sich intensiver mit dem Thema Kaffee zu beschäftigen, der ihm im Lauf der Zeit zum Anliegen geworden war. Etwa mit jenem von Leonhard Wild in Garmisch, einem der wahrscheinlich interessantesten Kleinröster in Deutschland, der extrem umtriebig nach neuen Aromen, Qualitäten und Harmonien forscht.

„Wenn Kaffee, dann nur in Wien“, dachte er sich, was uns freut, weil einem da ja auch noch ganz andere Städte einfallen würden. Und weil er außerdem eh wieder „an der Front stehen“ wollte, übernahm er eine alte Videothek in der Praterstraße. Dass seine Frau Innenarchitektin ist, traf sich bei dem Vorhaben jedenfalls ganz gut. Das vorige Woche eröffnete Balthasar ist überaus großzügig gestaltet, spielt mit Raum und vermittelt zur Abwechslung einmal ein ganz anderes, schickes Flair als die meisten anderen kontemporären Kaffeeadressen dieser Stadt, wo ja ein bisschen der nerdige Purismus gepflegt wird.

Hier nicht. Hier funkelt einem beim Eintreten gleich einmal eine gut inszenierte „Strada“ von La Marzocco entgegen, die derzeit wahrscheinlich beste Espressomaschine, die man regulär bekommen kann, Designer-Schnucki-Sesselchen und -Tischchen, eine großzügig angelegte und hübsch mit Mosaik beklebte Theke, schöner Holzboden. Alles sehr geschmackvoll und wertig. „Ich wollte einfach nicht die hundertste Shabby-Chic-Kaffeeboutique“, sagt Bayer, und die abgekratzten Wände in seinem Rücken, durch die alte Wandmalerei zum Vorschein kam, und das Pult aus Weinkisten und einer alten Euro-Palette vergessen wir da gerade mal eben.

Der Espresso – eine Mischung aus Brasil, Nicaragua und Äthiopien, die er mit Wild gemeinsam erarbeitete – ist jedenfalls erstklassig (€ 1,90), der Cappuccino noch besser. Aus der Filterkanne oder dem Syphongerät kann man Kaffee auch bekommen, zumindest, wenn Otto Bayer demnächst nicht mehr allein an der Maschine steht. Seine Schwägerin bäckt Muffins, einen tadellosen Gugelhupf und einen ziemlich guten, mürben Madeira-Mandel-Zitronen-Kuchen. Und wer keinen Kaffee will, bekommt auch Weißwein, einen Elsässer Rosé Crèmant (€ 5,80) oder Champagner von Pol Roger (€ 8,90). Sehr schöner, neuer Platz für einen schnellen oder langsamen Kaffee.

Resümee:

Der Kaffeeboom verlässt die Nischen und drängt in die Lifestyleliga. Was den Espresso im Balthasar aber nicht schlechter macht.

Balthasar
2., Praterstr. 38
Tel. 0664/381 68 55
Mo–Sa 7.30–19 Uhr
www.balthasar.at


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