Museen Kritik

Ein Reich geht unter: Der 1. Weltkrieg in der ÖNB

Lexikon | aus FALTER 17/14 vom 23.04.2014

Sammelt Maikäfer!", stand auf einem Plakat, sie würden sich als Schweinefutter eignen. Eine andere Kundmachung warnte vor feindlichen Spionen und Spioninnen. Diese Beispiele aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) geben jene Mischung aus Patriotismus und Paranoia wieder, die für die Jahre des Ersten Weltkriegs kennzeichnend war. In der Ausstellung "An Meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914-1918" stehen die Plakate für das Eindringen des Militärischen in den zivilen Alltag. Tausende Zivilisten wurden etwa von Standgerichten auf einen vagen Verdacht hin zum Tode verurteilt.

Die ÖNB kann für ihre Schau im Prunksaal aus dem Vollen schöpfen, verfügt sie doch über einen einzigartigen Fundus. Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn 1914 begann die k.k. Hofbibliothek, Zeugnisse des Krieges zu sammeln. So kamen Zehntausende Plakate, Noten und literarische Texte zusammen, aber auch Kriegstagebücher und Kinderzeichnungen, die Hinrichtungen und Schlachtenszenen darstellen. Dazu kamen später dann Nachlässe wie jener des Fliegerfotografen Franz Pachleitner.

Die Schau zeigt, dass der italienische und russische Feind als Karikatur vermittelt, die "Nibelungentreue" zu Deutschland in Marschliedern, auf Tellern und in der Cognacwerbung verherrlicht wurde. Die von dem Historiker Manfried Rauchensteiner kuratierte und auf mehrere Unterthemen, etwa "Der Jubel am Beginn" oder "Die Heimatfront", aufgeteilte Ausstellung lässt die Erzählung nostalgisch ausklingen. Sie zeigt zum Abschluss das Typoskript der Verzichtserklärung Kaiser Karls, mit der 600 Jahre Habsburgerherrschaft zu Ende gingen. In den Propagandadarstellungen war das Bild einer um das Wohl des Vielvölkerstaates besorgten Kaiserfamilie bis zuletzt intakt geblieben. MD

ÖNB/Prunksaal, bis 2.11.


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