"Ich bin einfach dreist"

Joan Wasser alias Joan As Police Woman stellt ihr neues Album in der Ottakringer Brauerei vor

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 18/14 vom 30.04.2014


Foto: Shervin Laine

Foto: Shervin Laine

Die New Yorkerin Joan Wasser hat mit ihren 43 Jahren schon mehrere musikalische Leben hinter sich. Eine Laufbahn als Violinistin im Orchester schmiss sie früh hin, um mit Punkbands durch die Gegend zu ziehen; später arbeitete sie als Sessionmusikerin für Antony Hegarty, Elton John oder die Scissor Sisters. Seit rund zehn Jahren betreibt sie ihre eigene Band Joan As Police Woman, mit der sie diese Woche in Wien gastiert.

Falter: Ihr kürzlich erschienenes neues Album heißt „The Classic“. Ein etwas dreister Titel, finden Sie nicht?

Joan Wasser: Klar. Aber haben Sie von mir denn etwas anderes erwartet? Ich bin einfach dreist. Sonst hätte ich meine Band nicht Joan As Police Woman genannt.

Der Titelsong kommt allerdings überraschend: Er ist ein lupenreines Doo-Wop-Stück.

Wasser: Das kam auch für mich unerwartet. Wobei Doo-Wop für uns New Yorker eine klassische Epoche der Popmusik ist. Dieser Sound war hier immer sehr präsent, ähnlich wie Motown in Detroit. Anscheinend musste das auch in meiner Musik mal zum Ausdruck kommen. Ich saß eines Tages am Klavier und spielte ein Motiv, das total nach Doo-Wop klang. Also holte ich für den typischen mehrstimmigen Gesang einige meiner Lieblingssänger ins Studio. Das Ergebnis war viel traditioneller, als ich mir ursprünglich gedacht hätte.

Was braucht es, um einen
Klassiker zu schreiben?

Wasser: Wenn ich das nur wüsste! Ich liebe Songs, die sich über lange Zeit bewähren, und ich arbeite schon seit Jahren daran, selbst einen solchen Song hinzubekommen. Es geht darum, in seiner Musik Einfachheit zuzulassen, aber auch eine gewisse Tiefe zu transportieren.

Beeinflusst Sie Ihre klassische Ausbildung heute noch?

Wasser: Ich habe es irgendwann gehasst, nur die Werke anderer zu spielen, aber gewisse Erfahrungen helfen mir nach wie vor. Etwa Kammermusik: Da gibt es keinen Dirigenten, weshalb man tatsächlich gemeinsam mit den anderen Musikern spielen muss. Das ist eine gute Schule. Und natürlich lernt man als Musikstudent, wie wichtig das Üben ist. Man kann so viel Inspiration und Leidenschaft haben, wie man will – wenn man nicht übt, kann man nichts davon ausdrücken.

„Don’t wanna be nostalgic for something that never was“ singen Sie auf Ihrem neuen Album. Vermutlich geht es da um einen Ex?

Wasser: Genau, eine Beziehung ist gerade zu Ende gegangen, man fühlt sich dem Ex aber immer noch verbunden. Man weiß, dass es vorbei ist, weil es mit dieser Person schon hundert Mal nicht geklappt hat, aber man hat trotzdem die komische Fantasie, es noch einmal miteinander zu probieren. Man träumt sogar davon, sich im Dunkeln zu treffen – und was dort geschieht, würde dann quasi nicht gelten.

Man könnte den Song auch auf die Nostalgie beziehen, die die Popmusik seit Jahren fest im Griff hat.

Wasser: Absolut, ja. Ich bin überhaupt nicht daran interessiert, Retrozeug zu produzieren. Ich kann mich einfach für Musik aller Epochen und Genres begeistern und versuche mir dann meinen eigenen Reim darauf zu machen. Lange Zeit war ich allerdings ein sehr nostalgischer Mensch. Damit habe ich zum Glück abgeschlossen. Herrlich ist das: Ich blicke nur noch nach vorn!

Kann es sein, dass Ihnen erst 2011 mit Ihrem dritten Album „The Deep Field“, dem Vorgänger von „The Classic“, endgültig der Knopf aufgegangen ist?

Wasser: Das stimmt wohl. Ich habe zwar immer Musik gemacht, aber erst mit Ende zwanzig mit dem Songschreiben begonnen. Anfangs habe ich mir leider viele ungesunde Gedanken darüber gemacht, ob ein Lied zu meiner Stimme passen und ob ich damit Erfolg haben würde. Dadurch habe ich vieles erst gar nicht fertig geschrieben. Vielleicht wäre einiges Gutes dabei gewesen. Heute lasse ich die Songs einfach kommen. Ob ich sie als Sängerin packe, kann ich später immer noch entscheiden.

Braucht es also Lebenserfahrung,
um einen „Classic“ zu schaffen?

Wasser: Es gab in der Musikgeschichte immer wieder frühvollendete Genies, aber ich bin schon davon überzeugt, dass man etwas erlebt haben sollte, um gute Sachen machen zu können. Hätte ich als junger Mensch Songs geschrieben, wären die primär zornig gewesen. Zornig, aber ohne Linie oder roten Faden. Ich bin froh, vorher einiges an Lebenserfahrung gesammelt zu haben. Inzwischen glaube ich sogar eine Vorstellung davon zu haben, wie viel ich nicht weiß.

Anders als früher klingt „The Classic“ sehr positiv. Wird es so weitergehen?

Wasser: Das hoffe ich, denn darum geht es doch: Einen Weg zu finden, wie man glücklich leben kann. Wenn sich das auch in meiner Musik spiegelt, bin ich happy.

Ottakringer Brauerei, Fr 20.00


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