Enthusiasmuskolumne Diesmal: der charmanteste Festivalgast der Welt der Woche

Als Tilda Swinton noch Matilda hieß

Feuilleton | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 18/14 vom 30.04.2014

Bei Crossing Europe, dem Festival des europäischen Kinos in Linz, wurde Joanna Hogg neulich mit einer Retrospektive bedacht. Die britische Filmemacherin, Jahrgang 1960, fühlte sich über die Maßen geehrt, war es doch das erste Mal überhaupt, dass man ihr Gesamtwerk zeigte: drei Spielfilme, einige Skizzen und Studentenfilme sowie eine Auswahl ihrer vielen Fernseharbeiten, zu denen sie heute ein recht distanziertes Verhältnis hat.

So fühlte Hogg, eine drahtige Frau mit großem Gesicht und schicken Stiefeletten, sich gleich einmal "devastated", weil sie verspätet ankam und sich beim Publikum nicht für das erste Programm entschuldigen konnte, das aus zwei Folgen von "Flesh &Blood" und anderen Seifenopern bestand.

Sehr viel mehr Freude bereitete Hoggs halbstündiger "Caprice", ihre 1986 an der Film-und Fernsehschule Beaconsfield entstandene Abschlussarbeit, die Tilda (damals noch: Matilda) Swinton auf eine Reise durch die Seiten eines Modemagazins schickt. Das in Technicolor gedrehte Werk sieht aus, als hätten Powell &Pressburger , die legendären Exzentriker des britischen Kinos, "Alice im Wunderland" verfilmt. Allerdings, erzählte die Regisseurin, hätten ihre Professoren das weniger lustig gefunden -und ihr damals das Diplom verweigert.

Es sollte bis 2007 dauern, ehe Joanna Hogg ihr Spielfilmdebüt realisierte: "Unrelated" schildert die wechselvollen Beziehungen einer Feriengesellschaft in der Toskana, angeführt von Kathryn Worth und dem noch wenig bekannten Tom Hiddleston. Ihren jüngsten Film, "Exhibition" (2013), hat Hogg noch weiter -auf drei Darsteller -reduziert: Frau, Mann und das 1969 errichtete Londoner Haus des Architekten James Melvin. So unheimlich dieses Meisterwerk, so charmant seine Regisseurin.


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