Karl Kraus aus der Konfettikanone: "Die letzten Tage der Menschheit" im Volkstheater

Feuilleton | THEATERKRITIK: WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg "Die letzten Tage der Menschheit" zu spielen bietet sich einerseits natürlich an. Andererseits hat Karl Kraus' großes Wiener Weltkriegstheater den Ruf, eigentlich unspielbar zu sein -unter anderem, weil eine ungekürzte Aufführung des je nach Ausgabe 600 bis 800 Druckseiten umfassenden Werks nach Schätzung des Autors "etwa zehn Abende umfassen würde".

Das Volkstheater schafft es an einem einzigen -und der dauert nur schlanke 100 Minuten. Regisseur Thomas Schulte-Michels hat aus den 220 Szenen der Vorlage 49 ausgewählt und diese auch noch stark gekürzt. Zusammengehalten werden die Episoden durch einen alten Theatertrick: Eine Rahmenhandlung verortet das Stück in einer geschlossenen Anstalt.

Die Bühne ist also ein Irrenhaus, die zwölf Schauspieler (nur Männer) tragen unter ihren Faschingsuniformen lange Unterhosen und Zwangsjacken, und sie erinnern, bleich geschminkt, an Gespenster oder Clowns.

Es treten Generäle auf, die auf der Wiener Ringstraße die politische Lage diskutieren; ein Feldkaplan, der einmal selbst eine Kanone abfeuern darf ("Bumsti!"); und immer wieder die kriegsgeile Frontberichterstatterin Schalek, die Soldaten nach deren Gefühlen befragt ("Waren Sie schon einmal in Todesgefahr? Was haben sie dabei empfunden?").

Bei Kraus sind die Phrasen, mit denen da gedroschen wird, mindestens so mörderisch wie die Schrapnelle und Granaten. Schulte-Michels inszeniert die gallige Realsatire als zirzensische Revue, in der nur mit Knallerbsen und aus Konfettikanonen geschossen wird.

"Die letzten Tage" in 100 Minuten? Aber ja, das geht. So gesehen ist die Übung gelungen. Die Aufführung ist aber nicht nur kurz, sondern auch zu kurz gedacht. Ihr größter Fehler: Man merkt ihr in keinem Moment an, dass "Die letzten Tage der Menschheit" eigentlich unspielbar sind. F

Nächste Vorstellungen: 7., 24. und 25.5.


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