Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Das Cover

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014

Vor 30 Jahren im Falter, das geht so: Vor 20 Jahren gab es im Falter eine Rubrik, die hieß "Vor zehn Jahren im Falter". In dieser Rubrik erschien ein Leserbrief, den uns Viktor Matejka geschrieben hatte, ein Falter-Leser der ersten Stunde. Matejka war der erste Kulturstadtrat Wiens nach 1945, Kommunist, aber kein Stalinist, eine der intellektuell erfrischenden und wachen Persönlichkeiten der Nachkriegsrepublik. Davon gab es nicht viele. Matejka hatte sich vergebens gegen die Nachkriegspolitik des Totschweigens und In-die-Länge-Ziehens gestemmt und versucht, verschiedene von den Nazis vertriebene jüdische Kulturschaffende zurückzuholen.

Matejkas Brief erfüllte uns also mit Stolz, und so druckten wir ihn vor zehn Jahren ab, und das tun wir heute gleich wie der. In seiner Anfangszeit hatte der Falter ein gespanntes Verhältnis zu seinem Cover; darauf stand alles, nur selten etwas, was mit dem Inhalt zu tun hatte. Unser Statement zur Verfassung der Medien: Wir taten nicht mit, wir entzogen uns im Mittun. Gerade hatten wir uns reformiert und das erste richtige Titelblatt gemacht. Matejka ging das nicht weit genug. Er schrieb uns:

"Falter ist eine Zeitschrift. Bezweifelt das wer? Eine Zeitschrift für und gegen die Zeit. Die erste Seite wird nicht oder nur schlecht genützt, um aufzufallen. Einige Schlag-und Stichwörter, klein und vielleicht gerade noch fein -, sonst ist die Seite mit einem meines Erachtens nichtssagenden oder schwer deutbaren Bild ausgefüllt. Auf den Reichtum des Inhalts wird nicht hingewiesen."

Es folgt Lob für Artikel und ein Sonderlob für "Autoren, die noch nicht hochgeschaukelt sind. Ich greife den Franz Schuh heraus. Man sage mir einen, der soziologisch, philosophisch, literarisch einen solchen Durchblick vermittelt wie er! Das alles gehört auf die erste Seite, der innere Reichtum, die abwechslungsreiche Fülle der großen und kurzen Texte. Falter hat wiederholt seine Wandlungsfähigkeit zur Entfaltung bewiesen. Also!" Schade, dass er uns heute nicht mehr schreiben kann. Matejka starb 1993.


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