Buch der Stunde

Von schmalem Umfang und großer Wucht

Feuilleton | FRITZ TRÜMPI | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014

Sie scheute die Öffentlichkeit und gilt heute neben Sofia Gubaidulina als bedeutendste russische Komponistin des 20. Jahrhunderts. Galina Ustwolskaja wurde 1919 im damaligen Petrograd geboren und studierte ab 1937 zehn Jahre lang Komposition am Leningrader Konservatorium. Danach widmete sie sich ausschließlich dem Komponieren, hinterließ aber bis zu ihrem Tod im Jahr 2006 ein ungewöhnlich schmales Werk. Ausführliche und spannend zu lesende Hintergrundinformationen zu Leben und Werk liefern Tatjana Markovi und Andreas Holzer in einem Buch, mit dem es den Wiener Musikwissenschaftlern gelingt, aus dem spärlichen Material ein abgerundetes Bild der Künstlerin zu entwerfen, das Edu Haubensak mit einem pointierten Essay ergänzt.

Es gehört zu den Qualitäten dieser gut recherchierten Biografie, dass Aussagen über Persönlichkeit und Werk weniger fixiert als vielmehr reflektierend zur Diskussion gestellt werden. Holzer und Markovi liefern darüber hinaus eine erhellende Darstellung des politischen Kontexts: Ustwolskaja begann ihre Laufbahn noch in Zeiten des Stalinismus und war also auch gezwungen, ideologisch beeinflusste Stücke wie huldigende Kantaten und programmatische Suiten vorzulegen.

Daneben konnte sie freilich von Anfang auch Kompositionen entwickeln, die sich kaum einer Tendenz zuordnen lassen. Kennzeichnend für diesen persönlichen Stil ist eine Übersteigerung der Ausdrucksmittel (etwa mit einer Dynamik bis zum sechsfachen Forte) sowie eine radikale Reduktion (auf wenige Intervalle oder einen unerbittlich starren Bewegungsverlauf).

Von ihren 36 Werken zählte Ustwolskaja selbst 25 zu diesen "eigentlichen" Kompositionen, die bei den Wiener Festwochen in einem fünfteiligen Zyklus zu hören sein werden. Wer diesen verpasst, hat dank der beigelegten CD eine Chance, die vielschichtigen Musikanalysen von Holzer und Markovi akustisch nachzuvollziehen.

Wiener Festwochen: Hommage an Galina, 31.5. bis 1.6. Info: www.festwochen.at


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