Tiere

Darmwinde

Falters Zoo | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014


Altphilologen war er schon immer als Kakophemismus bekannt. Das weder Alt- noch Neudeutsch sprechende Volk hielt den Begriff bis vor kurzem für einen Fachausdruck englischsprachiger Meteorologen. Jetzt aber tobt er schon durch jede noch so kleine Gasse, in der jemand herumgesquawt, gepuderzuckert oder den Austro gepoppt hat: der Shitstorm. Die Konsum-Enten schnattern aufgeregt mit und erfreuen sich am beziehungsweise hadern mit dem Plebiszit.

Dabei, so neu und fremd ist uns die Shitstürmerei gar nicht. Durchsucht man Medienberichte nach den Worten „Kot“ und „werfen“, dann kann man aus dem Vollen schöpfen: Großer Beliebtheit erfreut sich das Werfen von Katzenkötteln über den Zaun des Nachbarn, knapp gefolgt vom Absetzen eigener oder fremder Fäkalien auf der Türmatte missliebiger Personen. Überraschenderweise ist dieser Brauch unter Hooligans wenig verbreitet. Nur einmal wurden 2011 bei einem Spiel des 1. FC Köln gegen Schalke (1:5) gegnerische Fans mit Fäkalien beworfen, die – durchaus zivilisiert – zuerst in Pappbecher abgesetzt wurden.

Aus Sicht der Wissenschaft ist dies alles aber ein nicht nur übliches, sondern auch sinnvolles Verhalten unter Primaten. Forschungen an Zootieren haben gezeigt, dass Schimpansen immer dann zu den selbstgefertigten, stinkenden Wurfgeschoßen greifen, wenn sie sich bedroht fühlen. Für Biologen ist dies eindeutig ein Beweis von Intelligenz, denn zuerst schleudern die Affen nur ihr Spielzeug oder herumliegendes Obst den Zoobesuchern entgegen. Diese belustigt das und die Gegenstände werden dann wie bei einem Spiel wieder in den Käfig zurückgeworfen. Affen lernen, dass Exkremente die viel wirksamere Waffe sind, mit denen man jene Lebewesen bewirft, die einem den eigenen Status streitig machen könnten.

Evolutionsforscher sehen das gezielte Werfen – von was auch immer – als eine zentrale Entwicklungsstufe auf dem Weg zur Menschwerdung. Im Gehirn wurden für diese Tätigkeit der motorische Kortex und das für die Sprache zuständige Broca-Areal eng vernetzt. Je besser ein Primat werfen kann, desto besser ist auch seine linke Gehirnhälfte entwickelt. Geplantes Werfen auf ein Ziel ist also nur eine weitere Form der Kommunikation und war ein Meilenstein für die menschliche Sprachentwicklung.

Jetzt müsste man halt noch an der Sprache selbst etwas weiterentwickeln.


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