Der Fall Niessl vs. Profil: eine Lektion für den Aufdeckungsjournalismus

Falter & Meinung | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014

Marc Lee Hunter, ein renommierter Lehrer des investigativen Journalismus, hat einmal "Daily News"-Journalismus von Aufdeckungsjournalismus so abgegrenzt: "Daily News"-Leute vertrauen in der Regel dem Rang ihrer Quelle. Nicht die Wahrheit des Inhalts, sondern die gesellschaftliche Position des Zitierten ist auch für die Veröffentlichung entscheidend.

Investigative Journalisten zitieren eine Quelle erst dann, wenn der Wahrheitsgehalt ihrer Aussage verifiziert wurde. So weit die Theorie. Unter Zeit-und Konkurrenzdruck legen Aufdecker ihren Informanten aber gerne einmal eine eidesstattliche Erklärung vor -oder sie verpflichten sie vertraglich, vor Gericht auszusagen. Das ist ein großes Risiko, und Profil hat nun eine Lektion in Sachen Qualitätssicherung bekommen.

Ein seriöser Aufdecker des Blattes zitierte einen Ex-Swarovski-Vorstand, der eidesstattlich behauptete, 10.000 Euro abgehoben und Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl übergeben zu haben. Auch der Falter hätte wohl die Aussage des Managers zitiert. Profil hat dem Informanten vertraut, aber nicht alle Re-Checks unternehmen können, um den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen zu prüfen. In einem Medienprozess erklärte nun ein Banker, dass gar kein Geld abgehoben worden war. Der "Kronzeuge" weigerte sich nun, vor Gericht auszusagen. Profil steht nackt da, und wir lernen: Ein Kronzeuge allein ist nichts wert. Das Medium trägt den Schaden, Hans Niessl verdient eine Entschuldigung. F


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