Frische Socken an, gepixelt

Fünf Freunde machten aus dem ehemaligen Vinissimo einen Heurigen

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOL ZE R | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Man könnte jetzt meinen, dass, wenn man Lust auf Heurigen hätte, das auch bedeuten würde, dass man Lust auf Vorstadt hat, auf Nähe zu den Weingärten, darauf, mit dem 38er oder dem D-Wagen hinzufahren. Man könnte meinen, dass ein Heuriger in der City dieses Feeling nicht so wirklich liefert und dass man daher eher die Finger davon lassen sollte.

Unternehmer Nick Pöschl, Gastronom Stephan Csiszar und die beiden Gebrüder-Stitch-Männer Mike Lanner und Moriz Piffl-Percevic machten es trotzdem. Weil sie von der Idee so wahnsinnig begeistert waren, weil es sie reizte, die Wiener Ikone des Heurigen aus der Verkrustung zu schälen, weil sie davon überzeugt waren, dass junges, urbanes Publikum auch für das Thema Heurigen zu begeistern sei. Und sie erarbeiteten mit unendlicher Akribie ein urbanes Heurigen-2.0-Konzept, definierten jedes Detail, versahen es mit Bedeutungsmehrwert und ironischer Resonanz.

Sie erarbeiteten eine Pixel-Optik, ließen ein Frontschild im Commodore-Stil aus 1480 Glasquadern zusammensetzen, investierten 40 Manntage in die Konstruktion einer Pixel-Schank, die mit Beamern bestrahlt wird, zermarterten sich den Kopf über zeitgemäße Heurigenmusik, ließen die offene Küche zu einer weißen Zirbenstube aus Papier machen, strapazierten ihre Nerven bis an die Grenze, um den passenden Teig für ihre Krapfen zu finden, vergleichsverkosteten monatelang Bioprodukte.

Und man könnte jetzt auch meinen, dass ein so schlichtes, pures Modell des Heurigen so viel Konzept und kreative Anstrengung vielleicht gar nicht nötig hätte, vielleicht sogar schädlich wäre. Ist aber wurscht, weil erstens bekommt man die konzeptuelle Tiefe des Zum Gschupftn Ferdl eh nur mit, wenn man unbedingt will, und zweitens ließen sich am ersten Tag die Menschen schlichtweg nicht dadurch abhalten und strömten also scharenweise in das außer der Pixel-Kunstwerk-Schank sonst ein bisschen kahle Lokal, auf die Holzbankerln im Garten, in die Zirbenstubenküche.

Wo übrigens Parvin Razavi, bisher hauptsächlich Food-Bloggerin und Veggie-Pop-up-Köchin, für die Aufstriche, Schweinsbraten und eben diese Ofen-gebackenen Krapfen sorgt, die etwa in der Blunzenvariante knusprig und köstlich sind und das Sauerkraut dazu überhaupt sehr gut (€ 3,60).

Sonst gibt’s im Wesentlichen drei unterschiedlich dimensionierte Heurigenplatten, von deren originellen Namen und Zweitnamen man sich nicht abschrecken lassen sollte, da etwa Schinken und Hartwürstel super sind, der Mangalitza-Leberaufstrich famos, Erdäpfelkas sehr gut und das Sauergemüse aus dem Marchfeld Extraklasse, der Liptauer braucht noch (€ 7,90/12,90/33,30). Das Konzept noch ein bisschen dahingehend zu erweitern, Parvin Razavi ein bisschen mehr Grünzeug machen zu lassen, wär vielleicht nicht schlecht, sonst alles sehr heurig.

Resümee:

Ein neuer Bio-Konzeptheuriger im Ferdinand-Raimund-Hof, bei dem so ziemlich alles bedacht wurde, was man aber zum Glück nicht merkt.

Zum Gschupftn Ferdl
6., Windmühlgasse 20
Tel. 01/966 30 66
tägl. 9–24 Uhr
www.zumgschupftnferdl.at


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