Kommentar Politik

Es geht nicht um Volksgruppen, sondern um Multi-Identitäten

Falter & Meinung | BARBARA TÓTH | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014

Zugegeben, die Debatte ist etwas akademisch. Aber nichtsdestoweniger spannend. Wenn man sie nur richtig führen würde.

Bei einer Podiumsdiskussion letzte Woche wurde der Präsident des Verfassungsgerichtshofes Gerhart Holzinger gefragt, ob Türken nach dem österreichischen Volksgruppengesetz den Status einer rechtlich anerkannten Minderheit bekommen könnten - zweisprachige Ortstafeln und eigene Schulen inklusive. Holzinger antwortete, wie Juristen eben antworten. Ja, gemäß dem Völkerrecht könne eine Gruppe von Zuwanderern "nach einer bis drei Generationen" versuchen, sich solche Sonderrechte zu sichern.

Bekommt Wien nun türkische Ortstafeln? Werden sich jetzt auch Polen um eine Anerkennung als "Volksgruppe" in Österreich bemühen, wie sie den "autochthonen" Minderheiten der Kroaten, Slowenen, Tschechen, Slowaken, Ungarn und Roma garantiert sind?

Das sind die falschen Fragen. Besser wäre es zu erkunden, welche Relevanz die Idee einer "Volksgruppe" in einem zusammenwachsenden Europa überhaupt noch haben soll. Sollten wir nicht besser lernen, mit den multiplen Identitäten umzugehen, die unsere Gesellschaft heute prägen?

Wienerin mit jüdischen Wurzeln und einem ungarischen Vater. Austro-Türke in dritter Generation, Arbeitsplatz: VW-Werk Wolfsburg. Europäerin mit österreichischem Pass, Büro in Brüssel, Kinder wachsen zweisprachig auf. Das sind die Lebensläufe der Zukunft. Nicht nur für eine mobile Elite, sondern auch für qualifizierte Arbeiter.

Sie produzieren Bindestrich-Identitäten und multiple Zugehörigkeitsgefühle. Mit der Idee von Volksgruppen kommt man nicht mehr weit. F


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