"Wir sind Fußball-Graugänse"

Florian Scheuba über das Programm "Ballverlust", das er mit Alfred Dorfer im Rabenhof spielt

Lexikon | INTERVIEW: WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 19/14 vom 07.05.2014


Foto: Peter Rigaud

Foto: Peter Rigaud

Rechtzeitig vor der Fußball-WM in Brasilien outen sich die Kabarettisten Alfred Dorfer und Florian Scheuba als Fußballverrückte. In ihrem Programm „Ballverlust“, das diese Woche im Rabenhof Premiere hat, werden sich die beiden Satiriker dem Thema von verschiedenen Seiten nähern und dabei auch versuchen, sich selbst eine Frage zu beantworte: Warum bewegt uns der Fußball bloß so?

Falter: Ist der Titel „Ballverlust“ eine politische Metapher, oder geht es wirklich um Fußball?

Florian Scheuba: Es geht um Fußball. Wobei wir vom Fußball natürlich immer wieder auf andere Themenfelder kommen: Auch Philosophie, Politik, Gesellschaft spielen eine Rolle. Wir wollen mit dem Programm auch Menschen erreichen, die mit Fußball gar nichts anfangen können.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Fußballprogramm zu machen?

Scheuba: Das ist aus unserer gemeinsamen Leidenschaft heraus entstanden. Wir tauschen uns viel über Fußball aus und stoßen dabei natürlich auch immer wieder auf Widersprüche. Es ist schon seltsam: Wenn du in diese Parallelwelt Fußball eintauchst, sind bestimmte Grundwerte auf einmal infrage gestellt. Nationalismus oder Patriotismus etwa sind in unserem sonstigen Schaffen eher ein No-Go. Im Fußball aber sind wir Fans von Österreich, wir gehen zu Länderspielen, und es taugt uns. Und nachdem man im Kabarett ja immer wieder seine eigenen Widerspräche und Gestörtheiten abarbeitet, haben wir uns gedacht: Beschäftigen wir uns doch einmal damit: Warum ist das so? Was löst der Fußball bei uns aus?

Schalten Sie beim Fußball das Hirn aus?

Scheuba: Ich würde sagen, es ist ein Eskapismus. Man flüchtet in eine Parallelwelt – die nimmt man dann aber ernst. Das ist eine Parallele zur Bühne. Für mich ist Theater immer dann gut, wenn die Personen, die mir da etwas vorführen, sich darin verlieren.

Liegt der Reiz der Parallelwelt Fußball auch darin, dass es dort klarere Regeln als im wirklichen Leben gibt?

Scheuba: Ja, es gibt aber auch im Fußball wahnsinnig viele Grauzonen. Deshalb liefert er ja auch so viel Gesprächsstoff. Fußball ist eben nicht wie Leichtathletik, wo du nachher sagen kannst: Okay, der ist schneller gelaufen oder höher gesprungen als der andere. Fußball ist so ein komplexes Spiel, dass du daraus 100.000 Sachen herauslesen kannst – und dich mit Sachen auseinandersetzen kannst, die andere herausgelesen haben.

Im Theater ist es Interpretationssache, ob man eine Aufführung nun gut oder schlecht findet. Auch ein Match kann man so oder so sehen.

Scheuba: Nehmen wir die Diskussion über das Tiki-Taka-Spiel von Bayern München. Mir gefällt das, ich schaue mir das gerne an. Aber Schönheit entsteht im Auge des Betrachters, rational begründen lässt sich das schwer.

Es geht Ihnen also nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um schönen Fußball?

Scheuba: Absolut. Ich kann mich daran wirklich ästhetisch erfreuen.

Sie sind Rapid-Anhänger. Steht Rapid nicht eher für kämpferischen Fußball?

Scheuba: Ja, aber das stimmt so ja nicht mehr. Heute steht Rapid eher für das Hausgemachte: Wir haben eine große Tradition und wenig Geld, und hoffentlich verkaufen wir unseren Stadionnamen nicht an Novomatic. So eine Leidenschaft ist eine Prägung. Ich habe mich ja nicht eines Tages für den Fußballverein entschieden, der am besten zu mir passt, sondern ich bin als kleiner Bub einfach auf Rapid hineingekippt. Bei mir ist es über den Papa gekommen. Beim Fredi war’s der Opa, der ihn irgendwann zu einem Austria-Match mitgenommen hat. Wir sind Fußball-Graugänse.

Darf man Bayern gut finden?

Scheuba: Die Ambivalenz von Bayern ist ein Thema im Programm. Als Bub habe ich sie mögen, der Sepp Maier war so lustig. Heute mag ich Pep Guardiola und David Alaba. Aber das ist immer noch ein Verein, der als offizielles Clubmotto „Mia san mia“ hat!

Bei Fußball und Kabarett denkt man als Erstes an Fußballerparodien. Wird es die in „Ballverlust“ auch geben?

Scheuba: Nein, wir versuchen das Thema anders abzuhandeln. Wir behaupten am Beginn: Fußball hilft einem, das Wahre, Schöne und Gute zu erkennen. Dazu haben wir unsere Thesen, die wir im Lauf des Abends dann allerdings dekonstruieren, bis wir zur Erkenntnis kommen: Fußball ist reiner Selbstzweck. Und aus diesen rauchenden Trümmern bauen wir unsere Liebe zum Fußball wieder auf.

Werden es die Spanier bei der WM noch einmal schaffen?

Scheuba: Ich liebe sie wirklich heiß, Xavi und Iniesta sind Zauberfußballer. Aber ich fürchte, sie sind schon ein bisschen über den Zenit. Favoriten sind natürlich Deutschland und Brasilien. Vielleicht schaffen die Belgier eine kleine Überraschung.

Rabenhof, Premiere Mo 20.00


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