Ausstellung Vernissage

Mit der Pferdetramway zum Industriepalast

Lexikon | aus FALTER 20/14 vom 14.05.2014

Auf einen Cocktail im Indianer-Wigwam: Einen solch ausgefallenen Luxus konnten sich die Besucher der Wiener Weltausstellung 1873 im Prater gönnen. Mittels Telegrafie wurde die beschleunigte Kommunikation für die Abhaltung des Megaevents möglich, für dessen rund 200 Länderund Firmenpavillons zigtausende Exponate herbeigeschafft werden mussten. Der Industriepalast mit der 85 Meter hohen Rotunde war damals der größte Kuppelbau der Welt. Die ambitionierte Schau "Experiment Metropole. 1873: Wien und die Weltausstellung" im Wien Museum führt aber nicht nur den enormen Aufwand vor Augen, der für dieses "Fest des Fortschritts" betrieben wurde, sondern macht generell die umfassenden Veränderungen deutlich, die die Stadt in jener Epoche durchlief.

In der Gründerzeit war Wien eine riesige Baustelle, was nicht nur mit dem Bau der Ringstraße zu tun hatte. Auch in die Infrastruktur wurde ordentlich Geld gebuttert: Das teuerste Projekt stellte die Errichtung der ersten Hochquellenwasserleitung von Rax und Schneeberg nach Wien dar. In wenigen Jahren wurden damals vier Bahnhöfe und fünf Brücken über die neuregulierte Donau gebaut. Wer sich modern bewegen wollte, bestieg die gerade von privaten Unternehmern fertiggestellte Tramway, die damals noch per Pferdekraft bewegt wurden. Auch die Toten organisierte Wien neu: Der Simmeringer Zentralfriedhof sollte die "Begräbnisfrage" der rapid gewachsenen Millionenstadt endgültig lösen.

Den Superlativen der Weltausstellung und der Neubauten stand mit dem Börsenkrach im selben Jahr eine gewaltige Erschütterung des Fortschrittsglaubens gegenüber. Die Schau geht auf die bürgerlichen Konsumfreuden ebenso ein wie auf das Elend der breiten Massen, die die Metropole mit schmutzigen Händen hochzogen. N S Wien Museum, Mi (15.5.) 18.30; bis 28.9.


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