Auf der Alm und auf der Couch lacht das Es, das Ich sagt "autsch!"

Feuilleton | FILMANALYSE: MICHAEL PEKLER | aus FALTER 20/14 vom 14.05.2014

Wer keine Antwort auf seine Fragen bekommt, darf dennoch mit Erkenntnisgewinn rechnen. Der renommierte bayrische Psychologe Curt Ledig (Kaurismäki-Darsteller André Wilms) hat in seinem neuen Angestellten Nick (Strizzi-Darsteller Georg Friedrich) zum Beispiel ein passendes Studienobjekt gefunden, weil sich dieser eben nicht als Schwätzer vor seinem Herrn präsentiert. Stattdessen räumt der von Ledigs Familie als Aufpasser engagierte Nick stückweise die Bibliothek seines Dienstgebers leer, um die teuren Stücke in der kleinen Buchhandlung seiner Gelegenheitsfreundin zu verscherbeln. Dass den Kleinganoven, bei denen er seine Schulden abzahlen muss, Maria Hofstätter als sogenannte "Mutter" vorsteht, passt wiederum zum Spiel rund um psychische Störungen und neurotische Ticks, dem Benjamin Heisenberg in seiner einigermaßen skurrilen Komödie "Über-Ich und Du" ausgiebig frönt.

Als deutsche Komödie, seit Jahrzehnten ohne guten Leumund, stellt dieser Film allemal eine Überraschung dar: Das ist einerseits dem aufmerksamen Blick für Details geschuldet, über den der Regisseur ("Schläfer", "Der Räuber") verfügt, andererseits dem eigenwilligen Buddy-Duo Wilms-Friedrich: Der mit Skistöcken durch die Gegend stolpernde Ledig, gebürtiger Elsässer mit Küchenphobie, und der durch München stromernde Nick, gebürtiger Oberösterreicher mit Schiebermütze, bilden ein unterschiedliches und gleichwohl harmonisches Paar, das obendrein durch eine von Ledig durchgeführte "Blitztherapie" aneinandergebunden wird, die erst auf einer Tiroler Alm ein an ein Voodooritual gemahnendes Ende findet.

Als großer psychoanalytischer Witz fällt das alles bei genauer Betrachtung zwar kartenhausmäßig genauso in sich zusammen wie Ledigs deutschkorrekte Aufarbeitung der eigenen Nazi-Vergangenheit, macht in Summe aber trotzdem Spaß. Das definitive Sinnbild für diesen Film sind jedenfalls die wiederholt sinnfrei durchs Bild schwebenden Heißluftballons. Irgendwann ist eben die Luft raus. F

Ab 16.5. in den Kinos.


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