Tiere

Haarspalte

Falters Zoo | aus FALTER 20/14 vom 14.05.2014


Denken Sie nur nicht, dass ich die Einzige bin. Tausende von Frauen haben Bärte. Ein Bart ist kein Vorrecht des Mannes“, schreibt der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer bereits 1972 in einer Erzählung. 42 Jahre später feiert die gesichtsfüllende Behaarung einen viel bejubelten Triumph beim europäischen Wettkampfsingen. Dennoch bleibt es unsicher, ob dieser Erfolg dem Damenbart breitere öffentliche Akzeptanz sichern wird.

Der Oberlippenflaum ist nach wie vor ein Albtraum für viele, obwohl nach Angaben der pharmazeutischen Industrie geschätzte vier Millionen Frauen in Deutschland davon betroffen sind. Der Kampf wendet sich aber nur gegen die markhaltigen, pigmentierten Terminalhaare. Etwa die Hälfte der am ganzen Körper vorkommenden, farblosen und feinen Flaumhaare bilden sich in der Pubertät bei Frauen in diese Terminalhaare um. Bei Männern sind es 90 Prozent, und das Fell der Säugetiere besteht zur Gänze aus diesem borstigen Haartyp. Fünf bis zehn Prozent der Frauen leiden unter Hirsutismus, einer männlichen Verteilung der Langhaare. Wobei es hier nur subjektive Maße für „normale“ Behaarung gibt. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo hat ihren kleinen Bart und ihre dichten Augenbrauen in Selbstporträts oft viel ausgeprägter als tatsächlich vorhanden ins Bild gesetzt und so sehr selbstbewusst neue feminine Schönheitsideale propagiert.

Erreicht die Behaarung auch Stellen, die bei beiden Geschlechtern immer „nackt“ sind, dann handelt es sich um eine genetisch bedingte Hypertrichose. Die davon Betroffenen waren in früheren Jahrhunderten als Wolfsmenschen bekannt. Tognina Gonsalvus ist der älteste in Europa beschriebene Fall von menschlicher Überbehaarung. Im 16. Jahrhundert gehörte sie zur Hofgesellschaft König Heinrichs II. von Frankreich. In der Kunst- und Wunderkammer von Schloss Ambras in Innsbruck hängt ein Bild von ihr als junges Mädchen, das sie nicht nur als Kuriosität, sondern auch als gebildete Frau zeigt.

In der Neuzeit war Julia Pastrana, eine mexikanische Tänzerin, eine der berühmtesten Haarmenschen. Nur 1,38 Meter groß, mit struppigem Barthaar an Kinn und Oberlippe führte sie spanische Tänze vor und sang dazu mexikanische Lieder. Sie bereiste mit ihrer populären Show Europa und Amerika, und zumindest ihr Manager wurde ein reicher Mann.

Die Zeiten haben sich geändert. Fragezeichen!


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