Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste Comicstrip der Welt der Woche

Traurige Matrosen mit trotzigen Tattoos

Feuilleton | NIKOLAUS STENITZER | aus FALTER 20/14 vom 14.05.2014

Oft wandert man verbiestert durch die Straßen dieser oder jener Stadt und überlegt sich grimmige Pointen, die auf einen Schlag alles erledigen sollen: die verspießerten Hipstercafés, die Zumutungen der Arbeitswelt, historische Spielfilme aus Deutschland, Günter Grass und Martin Walser Aber es ist aussichtslos. In Wirklichkeit macht sauer unlustig, die Pointen verderben, und am Ende sitzt man selber im Hipstercafé und stiert in den veganen Kuchen.

Und dann kommt "Totes Meer". Was das Kölner Kollektiv 18 Metzger mit diesem Comicstrip geschaffen hat, ist eine unerhörte Pracht und ein nie versiegender Trost im immer kleinbürgerlicher werdenden Großstadtleben. Seit zehn Jahren erscheint er in der Berliner Wochenzeitung Jungle World, eine "Kommentierte Ausgabe" liegt nun auch in Buchform vor (Ventil-Verlag, 128 S., € 20,50).

"Totes Meer" spielt unter Seeleuten und Matrosen, auf Tankern und Schleppern und auf hoher See. Aber eigentlich spielt es gar nicht. Es bildet vielmehr auf wahnsinnig witzige und grundböse Weise die Abgründe der Gegenwart ab, und der maritime Hintergrund ist die genial gewählte Folie, die das Absurde mühelos ins Surreale überführt. Der Stil changiert souverän zwischen Kugelschreiberauf-Notizblock-Skizze und detailreichen Buntstiftkleinoden, der Text versteigt sich gelegentlich zu nachgerade atemberaubender Poesie: "In einem Meer von Farben /Sind wir traurige Nichtschwimmer /Trotzig tätowieren wir uns/Schwarze Melanome."

Es wäre unelegant und sinnlos, die dazugehörigen Bilder zu beschreiben: Sie unterstützen die Verwirrung, die der Text stiftet, eher, als dass sie diese auflösten. Oft weiß man nicht gleich, worüber man da so jubelt. Manchmal weiß man es nie. So geht es mit der großen Kunst.


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