"Ich war ja nie süchtig"

Americana statt Spaßpunk: Bela B von den Ärzten stellt in der Arena sein neues Soloalbum vor

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 20/14 vom 14.05.2014


Foto: Konstanze Habermann

Foto: Konstanze Habermann

Als Gründungsmitglied des Berliner Spaßpunktrios Die Ärzte zählt Dirk Felsenheimer alias Bela B, 51, zu den bekannten deutschen Popmusikern. Begleitet von der Nürnberger Countryband Smokestack Lightnin’ macht er sich auf dem neuen Soloalbum „Bye“ überraschend auf in eine Welt, die Americana heißt.

Falter: Herr Felsenheimer, Sie sind mit den Ärzten extrem erfolgreich, touren jetzt bereits mit ihrem dritten Soloalbum und arbeiten nebenher auch noch als Schauspieler. Kann es sein, dass sich hinter der Fassade des freundlichen Rock-’n’-Roll-Vogels ein Arbeitstier verbirgt?

Bela B: Dass ich manchmal zu viel mache und mir zu viele Aufgaben suche, gehört tatsächlich zu meinem Charakter. Ich bin kein Workaholic, ich bin noch nicht mal besonders fleißig, aber manchmal habe ich so Ideen, und die will ich dann durchziehen. Meinen Comicverlag habe ich aber beispielsweise wieder ad acta gelegt. Zehn Jahre haben gereicht, um festzustellen, dass das eine sehr schwierige Geschichte ist.

Als Musiker haben Sie das Hobby zum Beruf gemacht. Fühlt sich das Musikmachen da auch wie Arbeit an?

Bela B: Nein, überhaupt nicht. Wäre es kein Spaß mehr, müsste ich es ja nicht machen. Ich könnte mich auf Die Ärzte beschränken und die restliche Zeit Cocktails am Pool trinken. Allerdings wäre das für mich harte Arbeit: mich an so ein Leben zu gewöhnen.

Ihr Geldspeicher dürfte gut gefüllt sein. Was ist Ihre Motivation weiterzumachen?

Bela B: Den Geldspeicher vergolden zu lassen und ihn damit selbst zur Wertanlage zu machen! Nein, meine Motivation ist wirklich die Musik, mich auszuprobieren und Platten aufzunehmen, die ich auch selbst kaufen würde. Leuten, die ihre Platten nur für den Verkaufsstapel beim Media Markt oder den Downloadstapel bei iTunes produzieren, gibt es eh zur Genüge.

Täuscht der Eindruck oder werden Ihre Songtexte zusehends ernsthafter?

Bela B: Nein, der Eindruck täuscht nicht. Humor gehört für mich allerdings nach wie vor dazu, um eine Sache rund zu machen, „Bye“ ist keine bierernste Platte, aber jeder Song hat einen Sinn und eine Aussage, und ich muss mich nicht mehr in ironisches Beiwerk flüchten.

Woher rührt Ihr Faible für Countrymusik?

Bela B: Ich habe als Jugendlicher gerade zu der Zeit „Johnny Cash at San Quentin“ gesehen, als mein Interesse an Punkrock erwachte. Ich wusste nur, dass Punk atonal ist und man sich da an keine Regeln hält, und dann sehe ich Johnny Cash, wie er einen Hass-Song auf das Gefängnis singt, in dem er gerade auftritt. Der Strom wird abgestellt und man legt ihm nahe, dieses Lied nicht zu spielen, weil man eine Gefängnisrevolte fürchtet, aber kaum ist der Strom da, fängt er es wieder von vorne an. Das wiederholt sich, bis man ihn den Song spielen lässt. Die Insassen feierten das als Sieg. Ein beeindruckendes Bild, das mich lange begleitet hat.

Country und Punk liegen also gar nicht so weit auseinander?

Bela B: Oberflächlich betrachtet ist Country zwar weiße Redneck-Musik, und als ich mit 18, 19 erstmals bei einem Johnny-Cash-Konzert war, standen da im Publikum durchaus auch solche Leute herum. Der Herr auf der Bühne war aber weiß Gott nicht so.

Wovon verabschieden Sie
sich mit „Bye“?

Bela B: Es ist ein Aufbruch zu neuen Ufern. Bricht man auf, so verabschiedet man sich, denn nur dann ist die Tür offen, wenn man zurückkommt. Verschwindet man mal schnell zum Zigarettenholen und kommt dann zwanzig Jahre später zurück, wird die Freude vermutlich nicht so groß sein.

Apropos Abschied: Wann
haben Sie sich von Ihrer Jugend verabschiedet?

Bela B: Die Ärzte haben sich 1987 aufgelöst. Ich hatte mich da gerade daran gewöhnt, mich als richtige Drecksau zu gebärden – die Band war verhältnismäßig erfolgreich, ich musste mir keine Sorgen um die Miete machen und konnte mich der spielerischen Selbstzerstörung hingeben und den Keith Richards von Schöneberg mimen. Und dann gab es Die Ärzte plötzlich nicht mehr und nach einigen Projekten gründete ich mit Depp Jones eine neue Band, für die dann plötzlich ich die Verantwortung trug, der Plattenfirma gegenüber und so weiter. So schlecht Depp Jones auch lief, aber durch sie musste ich ein Stück weit meine Unschuld aufgeben.

Dass Sie dem Rausch auch nach der Reunion der Ärzte 1993 zugeneigt waren, ist kein Geheimnis. Wie haben Sie sich davon verabschiedet?

Bela B: Ich war ja nie süchtig, auch nicht nach Erfolg. Mir ging es um Spaß und Selbstverwirklichung. Meine Räusche und die darauffolgenden Melancholie-Kater habe ich ganz bewusst erlebt. Dabei hatte ich nie das Gefühl, abhängig zu sein. Weder psychisch noch körperlich.

Arena, So 20.00


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