"Es geht um den Mut"

Der Performer Jacques Patriaque hat das erste Boylesque Festival Vienna organisiert

Falter Woche | INTERVIEW: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 21/14 vom 21.05.2014


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Er wurde als „Ehemann“ von Conchita Wurst bekannt, ist aber mittlerweile selbst ein gefragter Performer: Seit 2010 stellt Jacques Patriaque als Boylesque-Tänzer sein komödiantisches Talent unter Beweis. Boylesque ist ein Subgenre von Burlesque, jener humorvollen Striptease-Form, die ein großes Revival erlebt. Nun hat Patriaque im Alleingang das weltweit erste Boylesque-Festival mit mehr als
40 internationalen Acts organisiert und bringt Stars wie Tigger oder World Famous *BOB* nach Wien. Auch Conchita Wurst wird dabei singen.

Falter: Wie sind Sie zu Burlesque und Boylesque gekommen?

Jacques Patriaque: Die Burlesque-Tänzerin Kitty Willenbruch ist auch Friseurin und ein Freund hat sie mir empfohlen, weil sie diese Vintage-Haarschnitte der 1930er- bis 1950er-Jahre besonders gut kann. Irgendwann hat sie mich gebeten, ob ich sie bei ihrer „Salon Kitty Revue“ als Conferencier ansagen würde. Ich habe mich damals im Stil von Charlie Chaplin verkleidet und hatte auch so einen falschen Patriarchenbart um. So kam es auch zu meinem Künstlernamen „Patriaque“.

Wie war Ihr erster Auftritt?

Patriaque: An dem Abend wurden wir für eine Steampunk-Party gebucht. Steampunk ist diese Mischung aus Viktorianischem Zeitalter und Erfindertum, mit Zylinder und Korsett. Ich war supernervös, die Leute wussten nichts von Burlesque, geschweige denn von Boylesque, und in der ersten Reihe saßen nur Männer. Im Endeffekt kam ich aber super an, und mir haben Zuschauer gesagt: „Also ich bin nicht schwul, aber du hast mir echt gefallen!“.

Für welche Art des Boylesque haben Sie sich entschieden?

Patriaque: Ich wollte anfangs klassische Acts machen und unbedingt tanzen lernen. Aber im Lauf der Zeit bin ich draufgekommen, dass mir das Komödiantische mehr liegt. Meine Stärke ist meine Mimik, damit ziehe ich die Leute in den Bann und bringe sie zum Lachen.

Welche ihrer Rollen amüsiert das Publikum besonders?

Patriaque: Die Gruppendynamik spielt bei Burlesque eine große Rolle. Ich erzähle mit meinen Nummern immer Geschichten, und das funktioniert eigentlich sehr gut. Bisher am häufigsten gebucht wurde die Matrosennummer „Jacques Attack“. Ich habe dafür aus einem Karton Wellen gebaut, in die ich dann hineinfalle. Es taucht eine Haifischflosse auf, die mit 300 Swarovski-Steinchen besetzt ist.

Sie sind auch schon beim Burlesque-Festival in New York aufgetreten?

Patriaque: Ja, dort habe ich mich 2013 mit meiner Vampir-Marie-Antoinette-Nummer beworben. Als Höhepunkt pfähle ich mich am Schluss selbst, und es werden rote Konfettis hochgewirbelt.

Ein Ziel von New Burlesque ist es, unterschiedliche Körperbilder zuzulassen. Wird das auch bei Ihrem Festival eingelöst?

Patriaque: Das Stichwort „Diversität“ habe ich von Anfang an immer verwendet. Das Witzige ist, dass für die Entwicklung neuer Genres oft schon das Anhängen des Kürzels „–lesque“ reicht: Es gibt schon Boylesque, Bearlesque, Queerlesque oder Draglesque. Oder filmische Variationen wie Starwarslesque.

Aber was ist nun das Spezielle an Boylesque, etwa im Vergleich zu Dragshows?

Patriaque: Ich sage immer, es ist weder Striptease noch Chippendales. Für mich persönlich ist es die Freiheit, mit den Geschlechterrollen zu spielen und auch politische Themen aufzugreifen. Ich habe etwa zur Zeit der Debatte über Kopftücher an Schulen eine Burka-Nummer gemacht, bei der ich am Ende einen Sprengstoffgürtel entblöße. Bei Drag geht es darum, das Bild der Frau zu imitieren, während es bei Boylesque eine Mischung ist, denn wir spielen mit weiblichen Elementen – und überspitzen sie.

Man kann als Matrose ebenso wie als Meerjungfrau auftreten?

Patriaque: Ja, man muss es nur richtig verkaufen.

Wie haben Sie Conchita Wurst kennengelernt?

Patriaque: Wir haben uns in der „Salon Kitty Revue“ getroffen, dort war Conchita eine Zeitlang Moderatorin.

Schreiben Sie ihrem erfolgreichen Song-Contest-Auftritt eine politische Wirkung zu?

Patriaque: Ich hatte an dem Tag Geburtstag, und Conchitas Sieg war das schönste Geschenk überhaupt. Sich für Toleranz einzusetzen war mir immer schon extrem wichtig, nicht nur für die Queer-Community, sondern auch, weil meine Mutter im Rollstuhl sitzt. Seit Conchitas Sieg habe ich das Gefühl, man kann alles erreichen, wenn man nur daran glaubt und hart genug dafür arbeitet. „We are unity, we are unstoppable“ sind für mich magische Worte. Es geht um den Mut: Auch wir können etwas erreichen, wenn wir zusammenhalten.

Stadtsaal, Mi, Do 20.00


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