Kommentar  Was darf Satire?

Herr Hermes und die Lust an den unteren 10.000

Falter & Meinung | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 21/14 vom 21.05.2014

Frau Ingrid sammelt Autogramme, in ihrem Album kleben signierte Fotos ihrer Helden: Sie heißen Karel Gott, Georges Dimou und Andrea Berg. Vergangene Woche widmete ihr der ORF ein Porträt, ausgestrahlt in der Satiresendung "Willkommen Österreich“, gestaltet von Herrn Hermes.

Herr Hermes ist eine Kunstfigur, gewandet in feinem Anzug, so weiß wie die Unschuld. Seine Rubrik heißt "Die unteren 10.000“, und es geht dabei darum, jene Mitbürger zum Trottel zu machen, die Herr Hermes zu den "unteren 10.000“ zählt. Darunter fallen zum Beispiel Menschen, die eigenartig leben, eigenartige Hobbys haben oder eigenartig sind.

Also kleine Leute wie Frau Ingrid, die sagt: "Ich möchte nichts anderes erleben als Autogramme.“ Schnell wird einem im Beitrag klargemacht: Frau Ingrid hat nicht nur eine große Leidenschaft, sie hat auch eine erhebliche Lern- und Leseschwäche. Marc Pircher nennt sie "Marc Pirchler“, statt Jürgen Drews sagt sie "Jürgen Drew“. Herr Hermes zelebriert ihre Fehler mit genüsslichem Lächeln. Groß zeigt er, was sie neben einem Foto im Album hingeschrieben hat: "Eingebigt am 28. April 1995.“ Rechtschreiben kann die Frau also auch nicht.

Satire hat eine Funktion: Sie soll gesellschaftliche Zustände anprangern und darf dabei die Mächtigen viel härter kritisieren, als es den Nachrichtenformaten erlaubt ist. Es ist gut und mutig, dass der öffentlich-rechtliche Sender Satire im Programm hat. Wenn Herr Hermes aber einen geistig schwachen Menschen wie Frau Ingrid vor einem 400.000-Zuschauer-Publikum lächerlich macht, kritisiert er nicht. Er tritt von oben nach unten. Das ist keine Satire, sondern nur peinlich und menschenverachtend. F


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