Stadtrand Urbanismuskolumne

Anschreibposten: Gesellschaft auf Pump

Stadtleben | aus FALTER 21/14 vom 21.05.2014

Sie haben mich bei McDonald’s anschreiben lassen“, sagte die Kollegin und ein bisschen schwang Stolz in ihrer Stimme mit. Sie hatte ihr Geldbörserl zu Hause liegen lassen und es erst bemerkt, als die Bestellung schon durch war. "Sie kommen eh jeden Tag, zahlen Sie einfach morgen“, sagte der Mann hinter der Theke. Anschreiben lassen! So etwas kennt man als Landei vom Dorfbäcker. Als es in der Stadt noch Greißler gab, und man Stammkunde war, konnte man auch ein paar Tage später bezahlen. Aber in der Systemgastronomie? Sensationell!

Andererseits basiert unser wackeliges Wirtschaftssystem auf Krediten, Finanzblasen und dubiosen Anschreiblisten. Guten Tag, ich würde gerne in Immobilien investieren, kann ich anschreiben lassen? Der Autor dieser Zeilen hat das Prinzip jahrelang bei der Konditoreikette seines Vertrauens ausgereizt: Apfelstrudel auf Pump. Glücklicherweise gibt es die Aida immer noch. Eine Freundin konnte kürzlich ihre Therapiestunde nicht bezahlen und ließ anschreiben. "Kein Problem“, meinte die Psychotherapeutin, "Sie sind ja eh nächste Woche wieder da.“ F


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