Gänseblümchen am Wegesrand

Stadtleben | Spurensuche: Birgit Wittstock | aus FALTER 21/14 vom 21.05.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Das Kranballett der Seestadt Aspern tanzt heute nicht. Wind und Regen peitschen über die meterhohen Rohbauten, die hier dicht an dicht hochgezogen werden. Die hüfthohen Ähren auf den Feldern wiegen sich in den Böen, die den Lärm der Baustelle mit sich davontragen. Einige hundert Meter weiter, da, wo die Betontrasse der U2 erst einen weiten Schwenk Richtung Osten macht, um dann doch nach Süden abzubiegen zu ihrer
Endstation Seestadt Aspern, führt ein geschotterter Feldweg ins Nirgendwo. An seinem grasbestandenen Wegrand parkt rund ein Dutzend Wagen; ein ausrangierter Autobus der Wiener Linien, alte Zirkuswagen, Bauwagen und einige abgenutzte Container aus Wellblech stehen aneinandergereiht in einem Halbkreis. Dazwischen laufen Hunde umher, die Besucher bellend begrüßen.

Im Inneren seines Wagens kocht Martin Pell, 32, auf einem holzbetriebenen Ofen Kaffee. Auf rund 15 chaotischen Quadratmetern vereinen sich Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche: Bett, Couch, ein vollgeräumter Schreibtisch und Abwasch. „Es sieht hier nicht immer so trist aus“, sagt Pell lächelnd. „Wenn die Sonne scheint, ist es herrlich.“ Mit der Kanne brodelnden Kaffees stampft Pell durch den Regen hinüber zum gemeinschaftlichen Partywagen, vorbei an einer ausgedienten Telefonzelle, einem Einkaufswagen, Stapeln von Autoreifen und Metalltonnen. Was auf den ersten Blick wie ein Schrottplatz anmutet, ist der Wagenplatz Gänseblümchen.


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