Ins Mark  Der Kommentar zur steirischen Woche

Der Stadtchef und die Wurst

Steiermark | aus FALTER 21/14 vom 21.05.2014

Wer hätte gedacht, welche Wirkung Wurst auf den Grazer Bürgermeister hat? Tom Neuwirth habe mit Conchita Wurst ein Zeichen für Toleranz gesetzt, meinte Siegfried Nagl (VP). Graz als Menschenrechtsstadt sei daher ein guter Austragungsort für den nächsten Song Contest. Am besten wäre der Trauungssaal, scherzten daraufhin manche Grazer. Diesen hat Nagl nämlich nach jahrelanger Diskussion erst im Vorjahr und erst auf Druck des Verfassungsgerichtshofs für Verpartnerungen geöffnet. Dabei hätte der Bürgermeister mit der freiwilligen Öffnung schon viel früher höchstselbst ein Zeichen für Toleranz setzen können. Jetzt darf er sich nicht wundern, wenn ihm manche Trittbrettfahrerei vorwerfen.

Doch auch Bürgermeister dürfen dazulernen. Wird Nagl nun gar in der parteiinternen Diskussion für ein Adoptionsrecht homosexueller Paare und die volle Gleichstellung mit der Ehe kämpfen? Wohl kaum - im Gespräch äußert er zum Thema Adoption abseits der Stiefkindadoption einmal mehr "Vorbehalte“, die Ehe bleibe für ihn ein Sakrament zwischen Mann und Frau.

Und wie geht es steirischen Homosexuellen abseits des Wurstrummels? Die Antidiskriminierungsstelle verzeichnet jährlich an die 30 Fälle von einschlägiger Diskriminierung. Ein krasser Fall ereignete sich erst im Vorjahr in einer steirischen Firma. Als ein Mann sich outete, sammelten Kollegen Unterschriften, dass er künftig das Firmenklo nicht mehr benutzen solle, er könnte ja ansteckende Krankheiten haben. Und im Gemeinderat meinte der FP-Klubchef, Frau Wurst habe es geschafft herauszustechen, wenn auch "ein bissl anormal“. Manche werden wohl nie dazulernen. F


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