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Falters Zoo | aus FALTER 21/14 vom 21.05.2014


Endlich wieder einmal gibt es für uns kleine Tierfreunde und Semiotiker einen neuen Einsatzbefehl zum Ikonografieren: Godzilla 2014, der 30. Film über ein modernes Fabelwesen, läuft diese Woche an. Während der Vater aller Tiermonsterfilme, King Kong, lediglich die rassistischen und frauenfeindlichen Haltungen der durch die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre tief verunsicherten amerikanischen, männlichen Gesellschaft festschrieb, ist Godzilla vielmehr eine Parabel über Technologiewahn und Naturromantik, Aufbegehren und Scheitern, Hegemonie und Apokalypse.

Wie eine Chimäre setzt sich Godzilla aus verschiedenen Tieren zusammen: Der Korpus erinnert an einen Tyrannosaurus, der Knochenpanzer an einen Allosaurus, der gekielte Schwanz stammt von einem Krokodil, die amorphen Füße erinnern an ein Erdferkel, und die Finger am Ende muskulöser Arme entsprechen in ihrer Anatomie einem Menschenaffen. Manche Rezensenten sehen in dem Film nur plumpe US-Propaganda für außenpolitische, militärische Interventionen der Amerikaner in der Pazifik-Region. Andere begrüßen den Wandel Godzillas zum „guten“ Monster, das – ursprünglich selbst ein „Fremder“ – jetzt mit Green Card eingebürgert nur seine Welt vor neuen Aliens schützen will.

Der Film kommt jedenfalls zur rechten Zeit. Zwei Jahre nach dem schweren Störfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima sind Radioisotope von Cäsium-137, Strontium-90, Technetium-99 sowie Plutonium in Plankton, Algen und Tang des Pazifiks zu finden. Über Sedimente und filtrierende Lebewesen wie Muscheln oder Quallen gelangen radioaktive Schwermetalle sukzessive in die Nahrungsketten. Da die Lebensspanne von Planktonorganismen und wirbellosen Tieren so kurz ist, zeigen sich keine messbaren Auswirkungen auf deren Bestände. Aber in den Organen der Meeressäuger und mancher langlebiger Fische werden die radioaktiven Stoffe eingelagert und zerstören Gewebszellen, schwächen das Immunsystem und lassen Tumore wachsen.

Blauflossen-Thunfische werden in japanischen Gewässern geboren und wandern später über den Pazifik Richtung Kalifornien. Die in den Tieren gemessenen Cäsium-Werte sind gegenüber Vergleichsfängen vor 2011 bereits deutlich erhöht.

1975 sangen die Technopop-Pioniere Kraftwerk „Radioaktivität für dich und mich im All entsteht“. 2014 erhebt sich aus dem radioaktiven Ozean eine neue Bedrohung.


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