"Wie Lichtblitze über der Stadt"

Wiens ältestes Open Air, das Volxkino von Berndt Anwander, wandert in seine 25. Saison

Lexikon | INTERVIEW: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 22/14 vom 28.05.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Berndt Anwander, ein gebürtiger Vorarlberger und eigentlich Raumplaner von Beruf, hat in Wien mit dem Freiluftkino angefangen. Das war 1990, und zwar im Rahmen der Stadterneuerung. Seither hat sich das Volxkino als Marke etabliert, deren Riesenerfolg etliche Spin-offs nach sich zog: das Kino am Dach, die Science-Fiction im Park, das Festival Stumm & Laut. Was die Technik betrifft, sattelte Anwander früh auf digitale Projektion sowie aufblasbare Leinwände um, die er inzwischen selbst vertreibt. Zudem hat er auch in Italien, einmal in Mazedonien und sogar in Ramallah schon Freiluftkino gemacht.

Am 30. Mai am Karmelitermarkt eröffnet das Volxkino mit David Gordon Greens eigenbrötlerischem „Prince Avalanche“ und einem Movie-Slam dazu seine 25. Saison. Wie immer bei freiem Eintritt.

Falter: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Open-Air-Kino zu machen?

Berndt Anwander: Es hat geheißen, dass man das in Wien nicht machen kann, weil in Wien gibt’s keine Geräte, keine Leinwand, keine Genehmigung und überhaupt … Das „und überhaupt“ war ausschlagend, da haben wir gesagt: Das schauen wir uns aber an – auf der ganzen Welt gibt’s Freiluftkinos! Die erste Location war der Dornerplatz, der einerseits so eine lustige Schräge hat, auch sehr schmal ist und rechteckig, und oben hat’s ein Löwa-Geschäft gegeben, das früher einmal ein Kino war. Der erste Film, den wir gezeigt haben, war „Aguirre, der Zorn Gottes“.

War das ein stadtplanerischer Impuls, dass Sie schon im Jahr darauf zu wandern angefangen haben?

Anwander: Die fünf Tage im ersten Jahr waren eine schöne Sache, sehr erfolgreich, und bald kam die Idee: Wir möchten das wie Lichtblitze über die Stadt verteilt haben – da spielt ein Kino, dort spielt ein Kino. Wir machen es wie das Gemeindehof-Theater, gehen mit dem Kino zu den Leuten und spielen dort, wo’s – vornehm ausgedrückt – kaum eine kulturelle Infrastruktur gibt, am Rennbahnweg, in der Mitterhofergasse usw.

Was waren die schwierigsten Locations? Spektakulär war der Westbahnhof …

Anwander: Da haben wir am Dach von der Parkgarage gespielt, um Mitternacht die Leinwand genommen und sind dann wie eine Prozession mit der aufgespannten Leinwand hinunter in die Abfahrtshalle gegangen, wo wir bis drei weiter Kino gemacht haben. Das war toll, aber wir haben ja wirklich schon die ganze Stadt bespielt. Wir waren in Bädern, unterm Flakturm, am Marchfeldkanal, in der Remise, am Naschmarkt, in der Kellergasse am Bisamberg, am Platz zwischen den Museen, in der Tempelgasse und in zig Parks. Was mich reizen würde, sind temporäre Locations wie die U-Bahn-Station Dresdner Straße, die wir bespielt haben, als sie noch im Rohbau war – die hast einmal so gesehen und dann nie wieder.

Brösel hat’s nie gegeben?

Anwander: Fast nie. Natürlich gibt’s unter Anrainern immer auch Querulanten, die plötzlich alle Schichtarbeiter sind und kleine Kinder daheim haben. Am Volkertplatz haben wir „Schwarze Katze, weißer Kater“ von Emir Kusturica gezeigt. Kommt eine Pensionistin herunter, flucht über den Lärm und die vielen Ausländer. Hat meine Frau zu ihr gesagt: „Nur ned aufregen – das Kino hat der Haider ’zahlt.“

Welchen Stellenwert hat die Programmierung für Sie?

Anwander: Die ist ganz wichtig! Wir haben natürlich nie Blockbuster gespielt, immer einen Schwerpunkt auf Europa, auf Independents und österreichische Filme gehabt. Ganz am Anfang haben wir oft Leute von der Filmakademie eingeladen, ihre Arbeiten zu zeigen. Hubert Sauper zum Beispiel – dessen ersten Film haben wir draußen in der Per-Albin-Hansson-Siedlung gespielt. Das war schon interessant, auch für die jungen Regisseure, wenn nicht nur Onkel, Tanten und Freunde da sind, sondern der Film ein ganz anderes Publikum kriegt und ungefiltert kommentiert wird.

Und Ihr absurdestes Erlebnis?

Anwander: Einmal haben wir im Wuk, glaub ich, „Nick Cave and the Bad Seeds“ gespielt – und haben’s angekündigt als „the Bad Seats“.

Absichtlich?

Anwander: Na ja, halb vielleicht. (Lacht.) Es hat aber eh gepasst, weil die Sitze dort waren tatsächlich bös – man ist auf Heurigengarnituren gesessen.

Welche drei Filme muss man heuer gesehen haben?

Anwander: Für mich sind alle 80 „Must-sees“, aber natürlich: „Prince Avalanche“, der Eröffnungsfilm, der bei uns nie im Kino gelaufen ist. Dann das Avantgarde-Musik-Video-Programm „See the Rhythm!“, das unser langjähriger Kooperationspartner sixpackfilm zusammengestellt hat, und ganz wichtig: „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch – den muss man immer gesehen haben.

Eröffnung: Karmelitermarkt, Fr 21.00;

Information: www.volxkino.at


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige