Wer hat aus meinem Becherchen?

Vorsicht, heiß: Wer wirklich wichtig ist, rennt jetzt mit Thermo-Kaffeebecher durch die Gegend

Stadtleben | STILKRITIK: CHRISTOPHER WURMDOBLER | aus FALTER 22/14 vom 28.05.2014

Dass ständig alle Angst haben, auf dem Weg von der U-Bahn ins Büro zu verdursten, daran haben wir uns schon gewöhnt. Dass man asiatische Nudelgerichte, Pizza oder ein saftiges Steak ausschließlich im Gehen konsumieren kann, wissen wir inzwischen. Und Gehkaffee? Seit etwa einem Jahrzehnt gehört der Spezialpappbecher für Heißgetränke mit Schwappschutzdeckel auch in Wien zum Stadtbild.

Neuerdings aber sieht man immer mehr Zeitgenossen, die sich offenbar den Kaffee im Mehrweg-Thermo-Kaffeebecher von zu Hause mitnehmen. Man sieht sie in den Öffis am Becher nuckeln, auf der Straße das unförmige Gerät stolz vor sich hertragen. Sie sitzen in Besprechungen vor Kaffee Marke Eigenbrau.

Natürlich ist es super, auf diese Weise weniger Müll zu produzieren. Auch wenn man sich fragt, ob die offenbar nicht spülmaschinenfesten Haushaltsartikel wirklich hygienisch zu reinigen sind. Aber. Muss man wirklich immer und überall "verdammt guten Kaffee" dabeihaben? Die Angst vor dem Verdursten haben wir angeblich den Models abgeschaut, die immer wieder mit ihren Evian-Flaschen zu sehen waren. So lange, bis die Mineralwasserindustrie auch hierzulande Nuckelfläschchen für Erwachsene ins Programm genommen hat. Was ist das mit den Thermobechern? Womöglich schwingt hier die Angst mit, im Falle eines Kälteeinbruchs ganz dringend ein heißes Getränk bei der Hand haben zu müssen.

Zudem ist die Isoliertasse -derzeit! - auch noch ein Statussymbol. Schaut her, ruft sie, mein Besitzer kriegt es morgens auf die Reihe, zehn Kaffeekapseln runterzudrücken, damit ich endlich voll bin. Und ihr Loser, ihr müsst euch im Backshop Pappbecherkaffee kaufen. Apropos: Aus dem Kapselkaffeeuniversum erreichte uns ein Iso-Becher, der an antikes Silber erinnert. Passt. F


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