Ohren auf Miles Davis live in NYC

Der Wolf des Free Jazz im Fusion-Schafspelz

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 22/14 vom 28.05.2014

Die ideale Regierungsform ist bekanntlich eine Anarchie mit einem starken Anarchen an der Spitze. Im Jazz war Miles Davis der Mann für diesen Job. Von ihm sind zwar auch einige reaktionäre Auslassungen bekannt, aber in praxi ist er dann doch umgefallen und hat den Free Jazz im Fusion-Schafspelz ins Auditorium gebracht -ohne es zu wollen.

Zum Beispiel im Jahr 1970, als er Auftritte im Fillmore West und im Fillmore East in New York absolvierte. Letzterer wurde damals als Doppel-LP herausgebracht, auf der die einzelnen verschnittenen Stücke als Wochentagspotpourri ("Wednesday Miles","Thursday Miles" ) ediert waren. Also hat bis dato auch kein Schwein von der Existenz einer Miles-Komposition namens "The Mask" gewusst - kein schlechter Titel im Übrigen, denn im Grunde genommen ist das Stück eine Maske für eine sehr freie, hauptsächlich von Dave Holland am akustischen Bass und Keith Jarrett an der Orgel getragene Improvisation, die dann über einen hochgradig entspannten walking bass zu Solos von Miles und dem großartigen Steve Grossman (sonor am Tenor, hochnervös am Sopran) führen.

Von den zehn geilsten basslines des modernen Jazz stammen circa sieben von Miles Davis oder einem seiner Musiker -etwa Joe Zawinul, dessen "Directions" jeden Abend als Opener fungierte und ergo auch "Miles at The Fillmore" (Sony, 4 CDs) eröffnet: hyperalert und rückhaltlos groovend mit einer gehetzten five-note bassline, die sich anhört wie ein beiläufiges "gemma no wohin?". Aber sowieso! Und dass die Destination nicht klar ist, macht gar nix, im Gegenteil.

Das Unberechenbare manifestiert sich hier in erratischen Abschweifungen ebenso wie in überraschenden Abkürzungen, und die schiere Fülle an Möglichkeiten, die hier jeder Moment in sich trägt, ist aus heutiger Sicht vielleicht noch erstaunlicher als 1970. Grandios! Go for it!


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