Ausstellung Kritik

Vom Meraner Saltner zum huzulischen Hirten

Lexikon | NS | aus FALTER 22/14 vom 28.05.2014

Zu den weitläufigen Beständen des Volkskundemuseums zählen auch 20.000 Fotografien, die die sogenannten Volkstypen der Habsburgermonarchie darstellen. Vom "Tiroler Senner" bis zur "Huzulischen Bäuerin" zeigen diese Aufnahmen allesamt anonymisierte, häufig im Fotoatelier festgehaltene Personen in Trachten, die nach regionalen Charakteristika inszeniert wurden. Museumskurator Herbert Justnik hat diesen Berg an Bildern erforscht und nun erstmals eine Ausstellung zu dem Thema gestaltet, die nicht nur verdienstvoll, sondern echt interessant ist. Die Bilder der Schau "Gestellt. Fotografie als Werkzeug in der Habsburgermonarchie" stammen in der überwiegenden Zahl nicht von Volkskundlern, sondern von kommerziellen Fotografen, die sie von 1870 bis 1918 als handkolorierte Sammelbilder oder Postkarten vertrieben.

Die Schau setzt mit einem spannenden Beispiel ein: Anhand der Aufnahme "Jude aus Zabie" werden Retuschen und wechselnde Bezeichnungen in klassifizierenden Publikationen aufgezeigt, die ein abgelichteter Eselreiter im Lauf der Zeit erhielt. Vor gemalten Bergkulissen posierte etwa ein bärtiger "Ruthene", wie die Ostslawen in der Monarchie genannt wurden, aber auch ganze Bauernhochzeiten wurden für die Kamera nachgestellt. Die Lust an der Exotik kann einen schon bei einem "Meraner Saltner", einem Weinbergwächter mit opulentem Federkopfschmuck, überkommen. Unzählige Trachtenformationen marschierten auch beim Kaiserhuldigungsfestzug 1908 auf; in Enzyklopädien wie dem "Kronzprinzenwerk" wurden sie landeskundlich eingeordnet. Brisant wird die Schau, wenn sie sich der körperlichen Vermessung der Köpfe und Körper der Volkstypen widmet. Ein anthropometrischer Typus wie aus der Region "Salzburger Alpen" wurde bereits 1922 in einer "Rassenkunde des deutschen Volkes" abgebildet.

Österr. Museum für Volkskunde, bis 30.11.


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