Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Ausstellungsdrama der Welt der Woche

Als die Europäer noch mit dem Euro zahlten

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Das Museum ist eine Tragödie, deren Protagonisten die Vitrinen sind. Das ist das raffi nierte Konzept von Thomas Bellincks Festwochen-Produktion "Das Haus der europäischen Geschichte im Exil"(bis 15.6.). Der belgische Theatermacher wirft von einer fiktiven Zukunft aus einen Blick zurück auf das frühe 21. Jahrhundert, "eine bemerkenswerte Zeit, charakterisiert von Integration und Harmonie". Als die Nationen sich auflösten und mit derselben Währung, dem "Euro", zahlten.

Der Besucher wartet in der seit Jahren leerstehenden Post-Zentrale, bis er aufgerufen wird. Büropflanzen rotten vor sich hin. Dann beginnt ein Rundgang durch das heruntergekommene Gebäude, in dem Bellinck das Scheitern Europas vorwegnimmt, ein ebenso unterhaltsamer wie pädagogisch wertvoller Kunstgriff. Der Europäer beginnt die Gegenwart als Chance zu begreifen, die er im Begriff ist, aus Gleichgültigkeit verstreichen zu lassen.

Museumskuratoren sollten diese Inszenierung genau studieren. In ihren Häusern sind begleitende Kommentare oft mühsam zu lesen. Hier sind die Saaltexte riesig, Sitzgelegenheiten erleichtern das Studium. Auch die Vitrinen richtiger Museen erzählen die Geschichte gescheiterter Herrschaftsformen, aber selten so spannend wie ein Drama. Das Bühnenbild überzeugt durch Details, etwa durch die Sammlung von Visitenkarten von EU-Lobbyisten oder die ins Esperanto übersetzten Beschriftungen. Bellinck hat eine perfekte Dramaturgie entwickelt, die kontemplative Leere und konzentrierte Fülle vorsieht. Und auch das Elend der Flüchtlinge und Arbeitssklaven nicht vergisst. Die EU gilt als sperriges Thema. Hier wird es zum melancholischen Ausstellungtheater, das die tragische Dimension von Politik spürbar macht.


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