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Bücher, kurz besprochen

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Vorläufige Bestandsaufnahme

Wofür steht der Maidan nun? Viel ist in den vergangenen Wochen über das Schicksal der Ukraine, des zwischen Europa und Russland gespaltenen Landes, geschrieben worden, auch im Falter. Erst mit einem gewissen Abstand lassen sich die vorläufigen Bestandsaufnahmen in größere Zusammenhänge einordnen. Das ist auch der Hintergrund, vor dem der im Suhrkamp-Verlag erschienene Sammelband "Euromaidan" zu lesen ist. Das Buch wurde im Februar 2014 geplant, Ende März mussten die Beiträge fertig sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Russlands Präsident Wladimir Putin die Krim schon annektiert, aber die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine waren noch nicht aktiv.

Deswegen versteht sich der Sammelband auch als "ein erster Versuch, die Geschichte eines gerade vergangenen Augenblicks festzuhalten und zu begreifen", wie die Lektorin Katharina Raabe im Nachwort schreibt. Denn der Maidan war auch eine "Textproduktionsmaschine", in Blogs, Postings und via Twitter durch ukrainische Intellektuelle dokumentiert. In "Euromaidan" sind viele von ihnen vertreten: Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, die Aktivistin Yevgenia Belorusets, die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, die in Wien lebt und auch für den Falter berichtet hat.

Ergänzt werden die literarischen und essayistischen Beiträge von Analysen bekannter Ukraine-Experten wie Martin Pollack, dem Historiker Timothy Snyder und dem Rechtsextremismusforscher Anton Shekhovtsov. Sein Beitrag widmet sich dem "rechten Sektor" und beschreibt eindringlich die Methoden der "Polittechnologie", mit der in der Ukraine - so wie in vielen anderen postsowjetischen Staaten - Politik manipuliert wird. Das ist spannend und nachlesenswert.

Juri Andruchowytsch (Hg.): Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Suhrkamp, 208 S., € 14,40


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