Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

WU-Diskussion: Europa wird ungleicher -wer holt uns da raus?

Politik | Eduard Müller | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Steigt die Ungleichheit unter Europas Bürgern, und falls ja - was kann man dagegen tun? Diese Frage erregt derzeit Interesse, nicht zuletzt durch das vielbeachtete Buch "Capital in the 21st Century" des Franzosen Thomas Piketty. Zum Abschluss der zweitägigen Jahreskonferenz der Nationalökonomischen Gesellschaft (NOeG) diskutierte an der WU Wien vergangenen Samstag dazu eine Expertenrunde, gespickt mit Kapazundern wie dem britischen Ungleichheitsforscher Tony Atkinson oder dem deutsch-italienischen Finanzwissenschaftler Giacomo Corneo, der zuletzt auch im Falter (22/14) über Umverteilung sprach.

Dass die Vermögensunterschiede in den wohlhabendsten Nationen zunehmen, sieht Michael Förster von der OECD durch deren Erhebungen seit den 1990ern belegt. Dieser Trend habe sich in Boomphasen ebenso wie in der Rezession gehalten. Aber warum geschieht das? Giacomo Corneo nimmt vor allem die Regierungen in die Pflicht, die ihm zufolge Vermögenswerte stärker umverteilen müssten. Die Arbeiterparteien, die eigentlich im Sinne der ökonomisch Schwächsten regieren sollten, erhielten aber nicht ausreichend Stimmen und würden an der Macht ihre eigentliche Zielgruppe aus den Augen verlieren.

Dabei hätten die Experten Gegenmittel parat - etwa Steuern auf Finanzgeschäfte und Erbschaften sowie Investitionen in Bildung. Originell wirkt die Idee von Tony Atkinson, eine Erbschaftssteuer an alle 18-Jährigen auszahlen zu lassen. Einig waren sich die Ökonomen, dass all diese Maßnahmen vorrangig auf internationaler Ebene Sinn haben - jedoch haben bei den jüngsten EU-Parlamentswahlen insbesondere jene Parteien zugelegt, die raus aus dem Staatenbund wollen. Im Fall Großbritannien ist Atkinson zufolge immerhin nicht klar, ob der Wahlausgang ein Rechtsruck war.

Um einen solchen zu verhindern, müssen von Sozialleistungen laut Corneo auch Wähler aus dem Mittelstand profitieren, nicht bloß jene aus den schwächsten Schichten.


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