Ohren auf Dunkle Lieder

Zartcore ist das neue Hardcore

Feuilleton | Sebastian Fasthuber | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Bald geht in New York die Sonne auf. Hamilton Leithauser stolpert aus einem Lokal. Mit "5 A. M." ist dem Sänger und Songschreiber ein großartiger Eröffnungssong geglückt - intensiver Erwachsenenpop ohne Fadesse, Leonard Cohen für die heutige Zeit, tolle Stimme. Der Frontman der gerade pausierenden Band The Walkmen hat mit prominenten Kollegen sein Solodebüt "Black Hours" (Domino) aufgenommen. Es ist eine Nachtmusik, aber kein düsterer Songreigen, sondern eine überraschend bunte Tour durch die dunklen Stunden.

Das ebenfalls aus New York stammende Trio The Antlers war bislang auf Abschiede, innere Dämonen und Weltschmerz abonniert. "Familiars" (Pias) klingt dagegen fast schon lebensbejahend. Und der reduzierte, angejazzte Stimmungen mit Keyboards und Bläsern verbindende Sound ist ein gelungenes Experiment.

Keine Experimente wagt die schwedische Sängerin Lykke Li auf "I Never Learn" (Warner). Obwohl nach einer Übersiedlung ins Kalifornische und einer bösen Trennung unter ganz anderen Voraussetzungen als zuletzt "Wounded Rhymes" (2011) entstanden, bleibt sie sich in diesen wiederum an Phil Spector geschulten Torch-Songs absolut treu. Und trotz Textzeilen wie "Every time the rain falls, think of me" klingt "I Never Learn" für ein Trennungsalbum versöhnlich.

Mit "L'Amour"(Light in the Attic) von Lewis schließt sich der Kreis. 1983 in einer Mini-Auflage erschienen, wurde das Album kürzlich von einem Plattensammler auf einem Flohmarkt entdeckt. Eins führte zum anderen und schließlich zu diesem Reissue, für das erfolglos nach dem Urheber der Musik gesucht wurde. Was gut zum verhuschten Gesang passt. "L'Amour" ist ein höchst fragiles, an Arthur Russell erinnerndes Herzensalbum zwischen leisen Klavieren, sehr leisen Synthesizern, noch leiseren Akustikgitarren und extrem leisem Gesang. Hamilton Leithauser auf Valium. Zartcore.


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