Ordnung und Fortschritt um jeden Preis

Vor der Fußball-WM: Unser Autor hat fünf Jahre in Rio de Janeiro gelebt. Er schildert, wie in Brasilien Armut, Korruption und Gewalt der Lebensfreude gegenüberstehen

Stadtleben | Erfahrungsbericht: Klaus Werner-Lobo | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

In der Rua Benjamin Constant im Zentrum von Rio de Janeiro befindet sich eine imposante Kirche, die der "Religion der Humanität" geweiht ist. Sie huldigt keiner transzendentalen Gottheit, sondern dem wissenschaftlichen Fortschritt im Dienste von Menschlichkeit und Mitgefühl. Die "Igreja Positivista do Brasil" geht auf den französischen Philosophen und Gründer des Positivismus Auguste Comte (1798-1857) zurück. Über dem Kirchenportal prangt sein Motto: "Die Liebe als Leitfaden, die Ordnung als Fundament, dem Fortschritt zum Zweck."

Seit 1889, ein Jahr nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien und zwei Jahre vor der Gründung der ersten Republik, deren Gründerväter dem Positivismus anhingen, ziert dessen Leitspruch auch die brasilianische Nationalflagge: Ordem e progresso. Ordnung und Fortschritt. Für die Sache mit der Liebe war der Stoff wahrscheinlich zu kurz.

2006, im Jahr der vorletzten Fußballweltmeisterschaft, sah ich von meiner Wohnung in Rio direkt auf die


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