Menschen

Wurscht!

Falters Zoo | Christopher Wurmdobler | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Wir mögen Sarah Viktoria Frick ja sehr. Vor allem, weil sie eine tolle (Burg-)Schauspielerin ist. Und weil sie toll singt. Fricks vollkommen unbekannte Jugendband damals in Liechtenstein trug den niedlichen Namen "Drei Tatzen für ein Halleluja" (googeln Sie das einmal!), sie hat also immer schon auch Musik gemacht. Gemeinsam mit dem Milena Verlag und dem Autor-Musiker Bernhard Moshammer lud die Nestroypreisträgerin vergangene Woche zu einem "unplugged Klubkonzert" in die Hartlieb'sche Buchhandlung in der Porzellangasse. Neben Titeln des aktuellen Moshammer-Albums "Alles über Jeden" (als Soundtrack zu seinem aktuellen Roman "Alles über Mr. Davis") brachte das Duo auch wunderbare Coverversionen wie Nino de Angelos "Jenseits von Eden" in der Punkversion für ungestimmte Schrummelinstrumente. Oder "I will always love you". Schön.

Die Kunsthalle zeigt eine Ausstellung mit dem hübschen Titel "I'm Isa Genzken, The Only Female Fool" (siehe Seite 27). Nun ist es üblich, dass lebende Künstlerinnen und Künstler bei Ausstellungseröffnungen anwesend sind. Die Besucher, die Gäste, die Presse, Sie wissen schon. Nicht so Isa Genzken, die dazu neigt, eigene Vernissagen zu meiden. Umso mehr freute sich Kunsthallenchef Nicolaus Schafh ausen, die Künstlerin persönlich begrüßen zu dürfen. Die Ausstellung findet sowohl im MQ als auch in der Filiale auf dem Karlsplatz statt: Die Arbeit auf dem Kunsthallendach trägt den Titel "Haare wachsen, wie sie wollen". Großartig.

Oh, dann waren wir auch beim "1st Annual Boylesque Festival Vienna" - zum Glück an dem Tag, an dem wirklich die Boys dran waren und nicht, wie man uns erzählt hat, Burlesque-Tänzerinnen aus der Mogelpackung. Man hatte den Eindruck, dass die meisten Menschen wegen der angekündigten Song-Contest-Gewinnerin Conchita Wurst gekommen waren. Als Kunstfigur ist Wurst die "Ehefrau" von Jacques Patriaque. Der wiederum hat sich das Festival ausgedacht und eine Menge Boy-und Burlesquegrößen nach Wien in den Stadtsaal geholt. Und während sich die Boys auszogen, riefen die Menschen "Wurscht, Wurscht, Wurscht", was ein bisschen irritierend war. Ja, am Ende gab es auch wieder den Phönix.

Die Wurst muss momentan einiges retten. Zum Beispiel auch die Eröffnungsshow des Life Balls vorm Rathaus. Als der Wiener Bürgermeister zu Beginn der Charity-Veranstaltung für Menschen mit HIV/Aids sich bei Ball-Erfinder Gery Keszler und Conchita "Wurscht" bedankte, wusste man noch nicht, wie recht Michael Häupl hatte. Am Ende einer sehr langweiligen, sehr holprigen und sehr chaotischen Show trat nämlich die "Wurscht" auf, unangekündigt übrigens, Fan und Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier hatte offenbar seinen Auftritt versäumt. Aber die Stimmung stimmte. Davor und danach? Der ORF verwechselte Dagmar Koller mit Courtney Love (und wusste den Namen des "Nirvana-Manns" nicht, dessen Witwe sie ist). Italo-Vogue-Chefin Franca Sozzani fand die richtigen Worte, Ben Becker ging als Lanvin-Papst. Anna Netrebko knutschte mit einem Herrn. Die Moderatoren Thomas Stipsits und Manuel Rubey küssten sich mit Zunge, was sehr hübsch war. Bill Clinton hatte eine Menge Leibwächter, Ricky Martin ein Röckchen an und Vivienne Westwood die tollsten Teile in der Modenschau - mit Parolen gegen Klimaerwärmung und Fracking. Kann gut sein, dass das viele mit "Frackzwang" übersetzen. Es braucht sowieso viel mehr Parolen. Ach ja, am Sonntag eröffnete in der Galerie Ostlicht dann auch noch die Ausstellung von Life-Ball-Skandalplakat-Fotograf David La-Chapelle. Das Plakat selbst war da schon kein Thema mehr. Es war wurscht.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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