Selbstversuch

Wieso sagt mir das denn keiner?

Doris Knecht substituiert

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Übrigens wurden hier in den letzten 15 Monaten ungefähr 13.500 Zigaretten nicht geraucht. Nur damit das wieder einmal bemerkt ist. Das heißt aber natürlich nicht, dass man nicht nach wie vor zur Sucht neigt, und derzeit wird das von zwei Ersatzstoffen aufs Gefährlichste ausgereizt: erstens "Lindsay", die Serie. Lindsay Lohan hat es bekanntlich doch nicht zum Life Ball geschafft, und das wundert die einigermaßen klatschblattaffine Dame von Welt a) eh nicht und b) schon gar nicht, wenn sie alle acht Folgen der Dokuserie "Lindsay" gesehen hat. Es soll ja Menschen geben, die die acht mal 45 Minuten an einem Tag weginhaliert haben, weil, ja. Jedenfalls. "Lindsay"; völlig irre. Ganz böse und verwerflich, natürlich, produziert von Oprah Winfrey, die es halt nicht mit Liebsein und Gutmeinen unter die mächtigsten Frauen der Welt geschafft hat, sondern.

Jedenfalls hat Winfrey Lohan ein vermeintlich für beide gutes Geschäft vorgeschlagen, nämlich eine Dokuserie über Lohans Leben, und natürlich wollte Lindsay zeigen, dass sie jetzt total gesund ist und es immer noch voll drauf hat, während Oprah vorführen wollte, auf wie viele verschiedene Arten sie sich da irrt. Was natürlich, trotz Sober Coach, ziemlich leicht ist bei einer 27-Jährigen, die gerade frisch aus ihrem sechsten Entzug kommt und wo alle nur darauf warten, dass es sie zum siebten Mal aufprackt. Es rollt einem also permanent die Zehennägel auf, außer an den Stellen, wo man vor lauter Mitleid weinen möchte. Speziell, wenn die Eltern ins Spiel kommen, vor allem der Arsch von Vater, der seine Tochter skrupellos vor der Kamera verkauft, indem er sie, offenbar im Auftrag der Produktion und obwohl es seiner Tochter spürbar unangenehm ist, beim Lunch erbarmungslos über ihr Liebesleben ausfragt, das Lohan sonst die ganze Serie über bedeckt hält. Danach denkt man sich, dass man eh gar nicht so eine üble Mutter ist, auch wenn man den Kindern die Smartphones versteckt, obwohl man selbst ganze Tage vor dem Computer verbringt.

Was wiederum auch mit der Zweitsucht Zementfliesen zusammenhängt. Zementfliesen, my ass. Wieso hat mir das nicht schon längst jemand gesagt? Oder auch: Wieso hat man das nicht selbst schon viel früher recherchiert, bevor man die Wände des Badezimmers neu gefliest hat? Immerhin: Es ist noch ein Stück Boden übrig. Und schließlich erinnerte man sich an die Bodenfliesen im On Market, wo man immer denkt: Ma, so toll. Nun kann sich klein Dorli das, was sich Großgastronomen am Naschmarkt in ihre Lokale legen, normalerweise selbst für das winzigste Badezimmerli nicht leisten, befragte aber schließlich doch das Internet, marschierte via Bildersuche "Bodenfliesen" durch Myriaden entsetzlicher, sauber ausgeklinkerter deutscher Wohnzimmer und wurde schließlich fündig. Zementfliesen! Wieso sagt mir das keiner! Sogar leistbar! Und: gutes altes Handwerk, von braven Menschen wiederbelebt, ca. 8500 fantastische Muster, alle wunderschön. Muss aussuchen, meld mich wieder.


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