Fragen Sie Frau Andrea

Maria, Jesus, Strahlen, Conchita

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014

Liebe Frau Andrea,

als im Ländle auf einem Berg Geborener und noch ohne Fernseher Aufgewachsener stand ich als Kindergartenbub in einer engen Kapelle vor Maria im Strahlenkranz. Seltsam: Mit Conchita Wurst falle ich gefühlig in meine Kindheit zurück. Mehr noch, die Strahlenkranzmadonna fällt mir mit dem Auferstandenen ins Eine. Was passiert da? Und darf ich das zugeben? Zugeben, im doppelten Sinn? Es fragt dankbar der verwienerte Kurt Vallaster, per NSA-Archivalie

Lieber Kurt,

Sie dürfen zugeben, was Sie zugeben möchten! Da es mir fernsteht und auch unmöglich wäre, den Grad Ihrer religiösen Befindlichkeit zu diagnostizieren, wollen wir uns auf die Entschlüsselung von Zeichen und Symbolen in der Darstellung des oben erwähnten Personenkreises beschränken.

Das christlich-mittelalterliche Motiv der Strahlenkranz- oder Mondsichelmadonna nimmt Bezug auf eine Passage in der Offenbarung des Johannes (Offb, 12,1-6): "Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen (...)"

Religionsgeschichtlich geht das Bild der apokalyptischen Frau auf den Isiskult zurück. Bereits das frühe Christentum deutete die zwölf Sterne als den Tierkreis, die Sonne als Christus, den Mond als die Vergänglichkeit der Welt und die Frau als Maria, die "Königin des Himmels". Licht spielt auch eine große Rolle in der Jesusrezeption. In der "Verklärung des Herrn" schildern die Evangelien ein Offenbarungsereignis, das drei Apostel mit Jesus ben Josef auf einem nicht näher beschriebenen Berg erleben. Der Evangelist Matthäus schreibt: "Sein Antlitz strahlte wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht." (Mt 17,1-8)

Für das Zusammenfallen dieser Lichtbilder sorgt wohl Conchita Wurst, die madonnenhaft in Licht getaucht, den Bart des Erlösers tragend, eine ikonografische Traditionslinie betritt, die vom schwulen französischen Künstlerpaar Pierre et Gilles nachhaltig profaniert und für die Populärkultur zugänglich gemacht wurde. "Once I'm transformed, once I'm reborn (...) I will rise like a phoenix!"


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige