"Ich fühle mich als Brücke"

Die österreichische Dialektpopsängerin Birgit Denk stellt im Orpheum ihr neues Album vor

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014


Foto: Erwin Schuh

Foto: Erwin Schuh

Eigentlich mag Birgit Denk Prince ja. Im Moment ist die 43-Jährige aber nicht gut zu sprechen auf die US-Popgröße, findet dessen kurzfristig angesetztes Stadthallen-Konzert am Samstag doch zeitgleich mit der Präsentation des neuen Albums „Durch die Wüste“ ihrer Band Denk statt. Erstens kann die beliebte österreichische Dialektpopsängerin also nicht zum Prince-Konzert gehen – und zweitens haben ihr schon Journalisten abgesagt, die eigentlich zu ihrem Auftritt kommen wollten. Für die Falter:Woche war Prince auf die Schnelle nicht zu sprechen, hier bleibt es also trotz Beinahe-Überraschungskonzert beim vereinbarten Interview mit Birgit Denk.

Falter: Frau Denk, fühlen Sie sich als Pionierin?

Birgit Denk: Musikalisch, nehme ich doch an? Ich fühle mich nicht als Pionierin, sondern als Brücke zwischen der alten Austropoptradition und dem aktuellen Dialektmusikgeschehen. Negativ formuliert sitze ich ein bisschen zwischen den Stühlen des Damals und des Heute, positiv formuliert bin ich das Bindeglied zwischen den zwei Zeiten der Dialektmusik.

Sie selbst würden es vermutlich
positiv formulieren?

Denk: Ja, ich fühle mich gut dabei. Ich habe das Privileg, mit den – unter Anführungszeichen – Alten noch musiziert zu haben oder musizieren zu dürfen. Der Steinbäcker Gert tut beispielsweise so, als wäre ich eine junge Künstlerin, und für ihn bin ich das ja wahrscheinlich auch. Gleichzeitige spiele ich mit Bands wie 5/8erl in Ehr’n, und für die bin ich dann die, die immer schon da war und das immer schon gemacht hat.

Was spricht eigentlich für den Dialekt? Gibt es da nicht schon im eigenen Land Verständnisprobleme?

Denk: Mit meinen Texten will ich natürlich etwas erzählen, aber es muss dabei nicht jedes einzelne Wort verstanden werden. Im Unterschied zum Hochdeutschen verändert sich der Dialekt ständig, das ist das Schöne daran. Der Dialekt ist nicht verordnet, deshalb mag ich ihn lieber.

Sie haben Ihre Solokarriere um 2000 begonnen, damals war der Dialekt im österreichischen Pop verpönt. Warum ist das heute wieder ganz anders?

Denk: Wie in allen Strömungen gibt es auch hier Wellenbewegungen. Etwas ist hip, dann geht es in die Breitenkultur über, aber irgendwann muss es von der nachrückenden nächsten Generation abgewertet werden, um etwas Neues erfinden zu können. Als Kinder der Ambros-Generation mussten Kruder & Dorfmeister die Musik ihrer Eltern oasch finden, damit sie selbst kreativ werden und etwas entdecken können. Die Kinder dieser Kinder schauen heute wiederum sehr stark, was sie abhebt und welche Identitäten sie im kreativen Arbeiten finden. Und dass man die eigene Kultur, die Geschichte seiner Stadt nie los wird, merkt man einfach. Nach Bronner und Kreisler musste irgendwann Ambros kommen – und dann wiederum Der Nino aus Wien. Das liegt in der Luft.

Apropos Tradition: Als „Birgit Denk & die Novaks“ haben Sie vor zwei Jahren österreichische Kabarettlieder der 1950er-Jahre interpretiert. Was war das Reizvolle daran?

Denk: Ich kannte diese 1950er-Jahre-Lieder durch meine Großeltern, den „Geschupft’n Ferdl“ habe ich schon als Fünfjährige auf dem Küchentisch zum Besten gegeben. Es gibt Sachen von Cissy Kraner und Hugo Wiener, die gerade aus feministischer Sicht nicht hoch genug zu schätzen sind. In der sehr machomäßigen 1950er-Jahre-Nachkriegsgeneration wurde da etwa schon Gewalt gegen Frauen thematisiert. Ich wollte diese Lieder einer Generation vorstellen, die das überhaupt nicht kennt. Die Amerikaner haben den Bob Dylan, wir haben Hugo Wiener. Das sind die Roots, darauf baut österreichische Popmusik auf.

Für Sie beginnt der österreichische Pop nicht mit Bronner/Qualtinger?

Denk: Hugo Wiener war spannender und revolutionärer. Wie der seine Frau ins Licht gerückt hat! Cissy Kraner hatte auch in den 1970er-Jahren Lieder, an denen sich heute noch so mancher stoßen würde. Da singt sie etwa, wie sie die jungen Mädchen beneidet, weil die Drogen konsumieren können und schnackseln, mit wem sie wollen. Und die saß im Konzerthaus auf der Bühne und kam damit durch! Das fand ich immer sehr spannend, und eigentlich gehört das noch viel mehr entdeckt.

„Durch die Wüste geh i ganz alan“ singen Sie im Titelstück des neuen Albums. Ist das nicht sehr gefährlich?

Denk: Ja, aber manchmal muss man das machen. Es gibt Zeiten, wo man seine Kontakte ruhen lassen und lieber alleine auf sich schauen sollte. Ich bin extrem sozial, brauche Menschen um mich, aber bisweilen denke ich mir: Man kann bei wirklichen Problemen nicht erwarten, dass die wer anderer löst. Man muss sie nicht nur, aber auch mit sich selbst ausmachen – und zwar ganz bewusst. Darum geht es in diesem Lied. Sich einmal die Zeit zu nehmen und auf sich selbst zurückwerfen zu lassen, um zu schauen: Verdammt, was will ich eigentlich?

Orpheum, Sa 20.00


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