Das Spiel hat längst begonnen

Die Fußball-WM zerrt die autokratische Vergangenheit Brasiliens und die antidemokratische Gegenwart der Fifa ins Scheinwerferlicht


Analyse: Johann Skocek
Stadtleben | aus FALTER 23/14 vom 04.06.2014


Es ist schwer, von der Aussicht auf das WM-Turnier in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli) nicht entzückt zu sein. Was kann es Schöneres geben, als dank der Zeitverschiebung während der kommenden fünf Wochen kommod jeden Abend ein Match von zwei der 32 weltbesten Mannschaften anzuschauen. Zum Glück ist evident, dass nur die Spanier oder die Brasilianer Weltmeister werden können, die Deutschen und Holländer sicher nicht.

Das Turnier wurde Brasilien 2007 dank einer Fifa-Rotationsregel zuerkannt, derzufolge die WM 2014 zum ersten Mal seit 1978 wieder in Südamerika stattfinden solle. Damals hatte die Fifa Argentinien und General Videla beglückt, der den WM-Titel der Argentinier zu Propagandazwecken ausschlachtete. Die Fifa scheute nie Kooperationen mit Diktatoren, die zahlen am besten, und, blickt man auf die WM 2018 (Russland) und 2022 (Katar) voraus, wird sich daran nichts ändern.

Oder doch? Am vergangenen Sonntag veröffentlichte die britische Sunday Times ein mehrseitiges Dossier, in dem aufgrund von „Millionen von E-Mails und Dokumenten“ der Verdacht geäußert wird, der einstige Fifa-Vizepräsident Mohamed bin Hammam habe rund fünf Millionen US-Dollar an Verbandsfunktionäre verteilt, um sie zugunsten Katars zu beeinflussen. Der Fifa-Kongress am 11. Juni in Rio de Janeiro wird sich wohl damit befassen und eventuell die WM 2022 neu vergeben müssen. Die ganze Misere reicht freilich weiter in die Geschichte der Fifa zurück als bis zur Wahl Katars: Seit der Arbeiterpolitiker Lula da Silva 2002 zum Präsidenten Brasiliens gewählt wurde, baut das Land die Demokratie auf, die Ungleichheit ab und drängt den Einfluss der rechtsgerichteten Eliten zurück. Lulas einstige Kabinettschefin Dilma Rousseff folgte Lula 2011 nach, sie setzt seine Politik fort. Sie übernahm auch die WM, die das Land bisher angeblich zwischen zehn und 15 Milliarden US-Dollar gekostet hat.

Abo hier bestellen Abo hier bestellen
Bestellen Sie hier ein FALTER-Abo Ihrer Wahl und erhalten Sie sofort einen Digitalzugang, um Artikel kostenfrei zu lesen.
Wenn Sie kein FALTER-Abo haben, können Sie diesen Artikel hier einzeln kaufen, als neuer Nutzer kostenfrei mit Startguthaben.

Lesen Sie diesen Artikel in voller Länge mit Ihrem FALTER-Abo-Onlinezugang.

Passwort vergessen?

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige