Farbnebel als Gebirge -die Schaumstoffmasse ruht edel und saturiert

Steiermark | KUNSTKRITIK: ULRICH TRAGATSCHNIG | aus FALTER 24/14 vom 11.06.2014

Die von Kuratorin Katrin Bucher Trantow überlieferte Geschichte glaubt man sofort: In der finalen Konzeptionsphase zu ihrer Ausstellung "Wer, ich? Wen, Du?" im Kunsthaus Graz habe Katharina Grosse einen Malfetzen ins Raummodell geworfen. Genauso sieht die Sache aus.

Also steht der Rezipient aus Liliput vor einem Berg gesprayter Farbverläufe. Nur dass die dicke Leinwand aus eher viel Schaumstoffmasse bei näherer Betrachtung recht saturiert und daher edel ruht, als habe es gegolten, den Faltenwurf spätgotischer Madonnen an Raffinesse zu übertreffen. Dass die Farben weit über die Ränder ihres Trägermaterials hinausgehen, in den Raum ausgreifen, unterstreicht ihre Situationsbezogenheit: Befreit ist diese Malerei von jedem Bildgeviert, an das sie sonst geschlagen wird.

Grosse ist ja weithin bekannt dafür, kaum einen Unterschied zwischen Malgründen und sonstigen Oberflächen zu machen. Und für einen recht ungezwungenen Umgang mit der Farbe. Selten geht die Gleichung von Malerei und Farbauftrag so lustbetont und selbstvergessen auf. Selten ist der Farbauftrag so delikat, dezent, so atmosphärisch allenthalben, dass man gleich Adam Budak zustimmen will, der im Katalog Grosses Œuvre als "Performance der Liebe" beschreibt. So berührungsarm läuft Liebe sonst freilich selten ab. Poetisch behaucht ist das Schaumstoffgebirge aber jedenfalls. Es wird vor allem auf Fotos gut aussehen, weil es bei allem Befreitsein dazu drängt, wieder zum Bild werden zu dürfen. Die Suche nach der rechten Froschperspektive kann sicherlich viel Freude machen. F Kunsthaus Graz, bis 12.10


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