Theater Kritik

Die Liebe in Zeiten der Reizüberflutung

Lexikon | SARA SCHAUSBERGER | aus FALTER 24/14 vom 11.06.2014

Kannst du mich sehen? Ich bin jetzt online", sagt Julia und spricht Shakespeare-Texte in den Laptop rein. Friederike Hellmann spielt mit Handpuppen "Romeo und Julia" in Zeiten von Smartphones, Skype und E-Mail. Das rotzfreche Puppenspiel "Rolling Floyd"(Text und Regie: Lilian Matzke) ist eine von vier Kurzinszenierungen, die es ins Finale des Nachwuchs-Theater-Wettbewerbs in der Drachengasse geschafft haben. "Romeo und Julia sind tot" war das diesjährige Motto. Seit sieben Jahren findet der Wettbewerb statt, und noch nie waren die Beiträge so gut wie dieses Jahr -was auch daran liegen könnte, dass die Beteiligung mit 134 Projekteinreichungen so groß war wie noch nie. In einer dreiwöchigen Spielserie sind die Finalisten nun im Theater in der Drachengasse zu sehen, zum Schluss werden ein Jury-und ein Publikumspreis vergeben.

Die Theatergruppe Bankett nimmt das Wettbewerbsthema nur halb beim Wort und fragt: Was passiert, wenn nur einer stirbt? In "Für Sie spielen wir die Hauptrolle" hat man die Lösung des Problems gefunden und bietet ein Standby für den Verstorbenen an. Während Aleksandra Corovic und Bastian Parpan zu schmalzigen Lovesongs dem sich einschleichenden Beziehungsalltag trotzen und der ewigen Liebe huldigen, ist die Liebe in "Zimmer No. 101"(Text: Adrian Jager; Regie: Ron Zimmering) für Jakob Beubler und Therese Herberstein nur noch ein Klischee. Insgesamt überrascht die Heteronormativität der Beiträge, wo das Motto ja eigentlich dazu anleiten würde, genau jenes Weltbild infrage zu stellen. Wirklich abstrakt wird es nur in "Morsch" (Text und Regie: Milena Michalek), wo Pauline Fusban, Florian Haslinger und Johanna Wolff als Culture-Warriors am Nordkap Europas Kulturgüter sammeln und konservieren: "Ein gefrorener Garten Eden" sozusagen -ohne Romeo und ohne Julia.

Theater Drachengasse, Bar&Co, bis 21.6.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige