Stadtrand Urbanismuskolumne

Von Ignoranten und Kinderfeinden

Stadtleben | Birgit Wittstock | aus FALTER 24/14 vom 11.06.2014

Die Wiener sind nicht unbedingt das kinderliebendste Volk, das weiß man, doch die Ignoranz gegenüber den kleinen Menschen und ihren Eltern nimmt zusehends bedenklichere Züge an.

Neulich frühmorgens in der U4: Eine junge Mutter steigt mit ihrem Kinderwagen ein. Das allein schon eine Frechheit, wie man auf vielen Gesichtern lesen kann. Der Waggon ist wie üblich um diese Uhrzeit so voll, dass die Passagiere mit grantigen Gesichtern nach Luft schnappen. Typisch Frühverkehr eben. Da beginnt das Kleinkind im Wagen zu weinen. Einige Leute seufzen demonstrativ laut und genervt. Ein Mann im Anzug fährt die Frau an: "Stellen S'das Geschrei ab!" Die Mutter kniet sich zu ihrem Kind und versucht es zu trösten. Es weint noch lauter. Leute murren, verdrehen die Augen. "Eine Zumutung!", schimpft der Anzugträger weiter. Die junge Frau sieht verzweifelt aus, sie hält dem Kind kurzerhand den Mund zu, presst fest ihre große Hand auf das kleine Gesicht. Der Kindskopf ist rot angelaufen, nur noch ein leises Wimmern ist zu hören. "Sehen S'? Geht ja eh", sagt der Mann und grinst. Nein, geht gar nicht!


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