Doris Knecht Selbstversuch

Im Mittelfeld ist es eigentlich viel lustiger

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 24/14 vom 11.06.2014

Eine alte Freundin, eine, die sich mit derlei sehr gut auskennt, hat die Zementflieseneuphorie mit der Frage kommentiert: Wieso kippen alle in das Retrozeugs?

Ja, wieso? Weil es schön ist für ein altes Haus, war meine Antwort. Und weil wir uns halt nicht auskennen, und Dinge attraktiv finden, die andere aus gewiss guten Gründen schon überwunden haben. Die alte Freundin, eine Architektin, sagte dann, das habe wohl eher mit altem Denken zu tun, denn das alte Haus habe vielleicht lieber junge Fliesen.

Das ist möglich. Aber seine Besitzerin nicht, die bildet sich für ihre 6,4 Quadratmeter Badezimmer genau diese Fliesen ein. Was, eh klar, damit zu tun hat, dass ihre Vorstellungskraft limitiert ist, und sie könnte, wie die Freundin vorschlägt, sich von Spezialisten mit größerer und kompetenterer Vorstellung beraten lassen. Aber weil manche Leute halt glauben, sie können alles selber, müssen sie dann halt in beschränkt gedachten Räumen und Milieus leben. Im Durchschnitt quasi, obwohl man, wenn man sich ein bisschen mehr anstrengen würde, doch viel mehr haben könnte, nicht nur Mittelfeld.

Allerdings wird das Mittelfeld, und das ist letztlich das Lässige am Mittelfeld, in praktisch jeder Hinsicht unterschätzt. Immer ist nur ganz oben das Ziel, dort soll man hinwollen, bei den Ersten, Besten, Klügsten, Schönsten, Bestausgebildeten, Geschmackvollsten soll man sein, am meisten verdienen, den größten Erfolg soll man haben wollen, immer richtet sich das Streben nach der Spitze und nach dem Maximum. Dabei lebt es sich im Mittelfeld viel gemütlicher und lustiger.

Ich habe viele Leute kennengelernt, die früh und unbedingt an die Spitze wollten, und das mit Fleiß, Ehrgeiz und einer gewissen Rücksichtslosigkeit auch geschafft haben, bravo, Respekt. Die waren mit 35 oder 40 ganz oben, toll, nur ging's von dort aus dann nirgendwo mehr hin. Weil wenn du am Gipfel stehst, kannst du dort allein stehen bleiben und hast natürlich eine schöne Aussicht auf all die, die es nicht geschafft haben und dich bewundern und beneiden. Aber weiter aufwärts geht's halt nicht. Du hast aber noch die Hälfte deines Lebens vor dir und kannst jetzt entweder dort den Moonwalk machen und hoffen, dass dir Flügel wachsen, oder du musst wieder runter, was natürlich nicht so gut ausschaut, vor allem für einen wie dich.

Im Mittelfeld dagegen ist man unwichtig, weitgehend unsichtbar, entspannter und in großer Gesellschaft, niemand missgönnt einem was und man hat, wenn man nicht die Beste sein muss, viel weniger Druck und viel mehr freie Zeit, die man zum Beispiel (bevor das hier vollends abschweift) mit der Auswahl von Retrofliesen vertrödeln kann. Man könnte auch die alte Freundin anrufen und so zu noch schöneren Fliesen und einem viel ausgefuchsteren Badezimmer kommen, und es wär mir wegen der Badezimmerprogression und der Architektur als solcher auch wichtig, dass das viele Leute tun. Mir aber ist meins gerade gut genug.


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