Enthusiasmuskolumne Diesmal: die besten nicht konsumierten Drogen der Welt der Woche

Finger weg von Kacheln und Linden

Feuilleton | TEX RUBINOWITZ | aus FALTER 24/14 vom 11.06.2014

Vielleicht das Beste an Modedrogen ist, dass sie bald wieder verschwinden, weil sie entweder nicht mehr wirken oder durch eine andere, noch trügerischere Droge ersetzt werden. Gerade kann man erleben, wie sich zwei dieser Drogen mit dem momentan höchsten Suchtfaktor selbst erledigen: Kacheln und Linden.

Das Computerspiel "2048" wurde vor einigen Monaten vom jungen italienischen Web-Entwickler Gabriele Cirulli geschaffen. Es geht darum, diverse Kacheln so zu verschieben, dass eine mit der Zahl 2048 entsteht. Mit den Pfeiltasten bewegt man sie auf dem Feld. Stoßen zwei Kacheln mit derselben Zahl zusammen, verschmelzen sie zu einer mit der Summe der beiden. Klingt einfach, ist einfach, und das ist das Süchtigmachende. Ist die 2048er-Kachel aber einmal erreicht, wird das Spiel so schal wie das letztjährige Song-Contest-Siegerlied.

Die andere Droge ist existenziellerer Natur. Nur olfaktorisch genossen sind Lindenblüten eine Abwechslung von den normalen Ausdünstungen der Stadt, für Hummeln aber ist es tödlicher Stoff. Denn unter den Linden liegen massenhaft tote, haarige Hautflügler. Diese lindennektarsüchtigen Hummeln haben beim Anflug derart viel Energie verbraucht, dass sie keine andere Nahrungsquelle mehr aufsuchen konnten. Sie haben keine Kommunikationsformen wie die Tanzsprachen, die eine gezieltere Nutzung von Futterquellen durch das Hummelvolk zulassen würde. Deshalb ist dieses Anlocken der Hummeln und Bienen durch Linden nur für die Hummelvölker bedrohlich, sobald der Nektar versiegt ist.

Die Bienen verlieren so nur relativ wenige Sammlerinnen. Kommen sie nicht mehr zurück, nimmt die Attraktivität für dieses Ziel durch fehlende Tänze automatisch ab. Nicht bekannt ist indes, ob Bienen tanzsüchtig werden.


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