Vergessen im Flughafenklo

Die Rolling Stones kommen. Edek Bartz erinnert sich an frühere Wien-Auftritte der Band

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 24/14 vom 11.06.2014


Die Rolling Stones am 2. April 1967 in der Wiener Stadthalle. 2014 stehen Jagger, Richards & Co noch immer auf der Bühne (Foto: Votava / Wien Holding)

Die Rolling Stones am 2. April 1967 in der Wiener Stadthalle. 2014 stehen Jagger, Richards & Co noch immer auf der Bühne (Foto: Votava / Wien Holding)

Amoi geht’s no: 52 Jahre nach ihrer Gründung und 32 Jahre nach ihrem ersten Wiener Open-Air-Konzert spielen die Rolling Stones im Rahmen einer Welttournee erneut im Praterstadion. Der hiesige Kultur-Tausendsassa Edek Bartz hat die Band am Rande eines Stadthallen-Konzerts bereits in den 60er-Jahren kennengelernt; für die Abwicklung des Stadionkonzerts im Sommer 1982 war er dann mitverantwortlich. Ein Blick zurück.

Falter: Herr Bartz, wie haben Sie das Wiener Stones-Konzert 1982 in Erinnerung?

Edek Bartz: Es war das allererste Konzert, das in Wien im Stadion stattfinden sollte. Wir wussten aber überhaupt nicht, wie so etwas geht. Um zu etwas Praxis mit einem Konzert dieser Größenordnung zu kommen, haben wir uns entschlossen, ein Probekonzert zu veranstalten – mit Santana, Harri Stojka, diesem immer grantigen irischen Sänger Van Morrison und noch irgendwem. Das wurde gemacht, damit es bei den Rolling Stones dann reibungslos läuft.

Und, tat es das?

Bartz: Naja, es hat eben so funktioniert, wie es bei den Rolling Stones immer funktioniert hat – einwandfrei war da gar nichts.

Was heißt das?

Bartz: Rolling-Stones-Konzerte waren hochkomplexe Veranstaltungen, an denen unglaublich viele Leute beteiligt waren. Im Vorfeld kam ein Manager, der bis hin zum gebuchten Hotelzimmer alles gecheckt hat. Die Band reiste damals mit dem Privatflugzeug an, und ich hatte die Aufgabe, an einem festgelegten Punkt in Schwechat mit einer Schachtel zu warten, in der die Kuverts mit den Zimmerschlüsseln für jeden Musiker lagen. Bei den Rolling Stones galt immer die Maxime: nie diskutieren, nie etwas gut oder schlecht finden, sondern machen, was sie dir sagen. Also stehe ich mit der Schachtel dort, die Band kommt an, und nach einigem Drunter und Drüber waren tatsächlich alle Schlüssel abgeholt und der ganze Tross war verschwunden.

Klingt seltsam, aber unspektakulär.

Bartz: Das war ja auch noch nicht die ganze Geschichte. Meine Frau hat damals am Flughafen gearbeitet, und ich wollte mit ihr gemeinsam nach Hause fahren. Während ich auf sie warte, kommt plötzlich Bill Wyman aus der Klotür, der damals noch Bassist der Stones war. Auf den hatten sie einfach vergessen. Ich wollte ihm eine Limousine organisieren, aber er meinte, er würde lieber mit mir und meiner Frau mitfahren. Also sind wir in unserem roten VW Käfer nach Wien gefahren, er durfte auch vorne sitzen. Beim Hotel war aber wegen der Stones alles abgesperrt, und niemand hat mich durchgelassen. Also nahmen wir Bill Wyman mit zu uns nach Hause, wo ich die Sache dann telefonisch geklärt habe. Wie absurd: Im Vorfeld lassen sie Lampenschirme und Blumenvasen im Hotelzimmer austauschen, aber den eigenen Musiker vergessen sie auf dem Flughafenklo – und er geht ihnen nicht einmal ab! So ist es bei den Stones die ganze Zeit gelaufen.

Wie haben Sie die Musiker erlebt?

Bartz: Als völlig weichgeklopft, aber auch als ziemlich umgänglich und vielseitig interessiert. Die Truppe um sie war aber schon sehr extravagant, und an diesem Umfeld lag es ja auch, dass aus der wilden Prolorockband etwas ganz anderes wurde.

Wie war das Konzert letztlich?

Bartz: Als die Stones in den 60ern erstmals in der Stadthalle spielten, hat man sie überhaupt nicht gehört. Der Sound war so schwach, dass du nur erahnen konntest, was da auf der Bühne passierte. Bei den folgenden Konzerten wurde es schon besser, und im Stadion war klar, welche Technik es braucht. Das Konzert war dann auch gut, aber ich würde sagen, dass es das letzte wirklich gute Konzert der Stones in Wien war. Man darf nicht vergessen, dass sie ja einmal eine irre gute Liveband waren. Aber aus der Einheit von einst wurden irgendwann Einzelpersonen, die sich eben auf der Bühne treffen. Tendenziell war das auch 1982 schon so.

Nächste Woche treffen sich die Rolling Stones wieder auf der Bühne des Praterstations. Sind Sie mit dabei?

Bartz: Nein, denn Nostalgie ist für mich der falsche Grund, Musik zu hören und zu einem Konzert zu gehen. Die Stones haben mit der heutigen Zeit einfach nichts mehr zu tun. Wie lange liegen ihre letzten guten Platten zurück? 35 Jahre? 40 Jahre?

Warum stehen die alten Herren
immer noch auf der Bühne?

Bartz: Wahrscheinlich wissen sie nicht, was sie sonst tun sollen. Was soll ein pensionierter Rockstar denn machen? Sein Leben beenden? Er kann ja nicht nur Golfspielen gehen.

Ernst-Happel-Stadion, Mo 19.30


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