Kunst Kritik

Aus dem Schatten der unendlichen Säule treten

Lexikon | NS | aus FALTER 25/14 vom 18.06.2014

Ganz lässig gegen die Wand gelehnt, fast wie ein skurriler Spazierstock, macht die "Ellipse Nr. 1" von Isa Genzken den Auftakt zur aktuellen Schau in der Kunsthalle am Karlsplatz. Eine Skulpturenschau wie "Der Brancusi-Effekt" scheint für die Glasbox wie aufgelegt, fand in der Vergangenheit aber nur selten statt. Wenn sich die Plastiken jetzt dort auch ein bisschen gar drängen, ist der Versuch gelungen, ein historisches Vorbild mit spannenden heutigen Positionen zu verknüpfen. Einziger Wermutstropfen: Kein einziger echter Brâncuşi ist zu sehen; die Skulpturen sind nur auf Fotos aus seinem Pariser Atelier und einer Ausstellung von 1933 zu bewundern.

Brâncuşis berühmteste Arbeit, die 1937 für ein Denkmal aus rhombenförmigen Elementen erstmals realisierte Gusseisenskulptur "Endlose Säule", wird in einigen Arbeiten der Schau recht direkt gespiegelt. So türmte Rudi Stanzel 1992 Seifenstücke aufeinander, während Sofia Húlten 2013 dafür gebrauchte Wagenheber nahm. Der belgische Künstler Koenraad Dedobbeleer gestaltet seine bis an die Decke reichende Säule aus pastellfarbenen Keramikteilen und bietet dem Ausstellungsbesucher in seiner kugelförmigen Plastik "Old Sacrosand Academic" Mandeln und Pistazien an - Bildhauerei für die Knabberei. Immer einen Hingucker bieten Josephine Mecksepers hybride Arrangements, und auch die Kristall-Spiegel-Arbeit "Tobeen" lässt Glamour nicht vermissen.

Brâncuşis Befragung der Beziehung von Sockel und Werk findet einen Nachklang in Olaf Nicolais "P O S I T I", zwei Marmorplatten, die durch das Betreten durch die Betrachter Einbuchtungen erhalten sollen, wie die Böden in Kirchen sie oft aufweisen. Von Saadane Afif stammt ein Fahrrad, das sich mit seiner gestreiften Lackierung auf den Künstler André Cadare und seine ebenfalls in der Schau vertretenen Stäbe bezieht.

Kunsthalle am Karlsplatz, bis 21.9.


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