Am Apparat  

Wird Erdogan unsere Gesellschaft spalten, Herr Güngör?

Telefonkolumne

Politik | Interview: R. Eisenreich | aus FALTER 25/14 vom 18.06.2014

In Köln hat er bereits wahlgekämpft, nun kommt der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan nach Wien. Am Donnerstag soll er vor tausenden Anhängern auftreten, vermutlich in der Albert-Schultz-Eishalle im 22. Bezirk. Kenan Güngör, Soziologe und Integrationsexperte mit türkisch-kurdischen Wurzeln, ordnet den Besuch ein.

Herr Güngör, Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) "warnt“ Erdoğan, er solle "keinen Spalt in die Gesellschaft hineintragen“. "Eine falsche Rede“ könne "das Klima vergiften“. Teilen Sie seine Sorge?

Ich finde es richtig, dass er nicht den Besuch kritisiert, sondern die Art der Wortwahl anspricht. Ich glaube aber nicht, dass der Auftritt stark desintegrativ wirken wird. Die Polarisierung innerhalb der türkischstämmigen Community ist schon längst da. Ich finde den Auftritt integrationspolitisch weniger relevant als außenpolitisch.

Inwiefern?

Der Besuch ist eine Ausweitung des Präsidentschaftswahlkampfs auf die internationale Ebene. Das zeigt, dass wir immer globaler werden - es kommt zu einer Außenpolitisierung der Innenpolitik und umgekehrt.

Wie äußert sich die Polarisierung der Community, die Sie angesprochen haben?

Man merkt zum Beispiel auf Facebook, wie viele Freundschaften an politischen Differenzen zerbrechen. Die Fronten sind verhärtet, es gibt ein ganz starkes Schwarzweiß-Denken und kaum Strömungen, die eine Brückenfunktion übernehmen könnten.

Wie sollte Österreich mit Erdoğans Besuch umgehen?

Ich bin fasziniert, wie die Medien das zuspitzen. Es ist richtig und legitim, darüber zu sprechen, aber es ist kein Thema, das man eine Woche vorher auf allen Titelseiten lesen muss. Die Medien beschreiben nicht das Problem, sondern sind seine Konstrukteure. Immerhin habe ich noch keine großen Gehässigkeiten gelesen, aber die differenzierte Auseinandersetzung kommt zu kurz.


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