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Bücher, entstaubt

Politik | Kurt Bayer | aus FALTER 25/14 vom 18.06.2014

Thatchers Triumph

In diesem Gedenkjahr geht ein Jubiläum unter, das eine neue wirtschaftspolitische Zeitrechnung in Europa bezeichnet: die Niederschlagung des britische Bergarbeiterstreiks. Dies hat für Europa den bis jetzt andauernden Siegeszug des neoliberalen wirtschaftspolitischen Paradigmas eingeleitet.

David Peace hat dies in "GB84“ bereits 2004 eindrucksvoll nachgezeichnet, als historischen Roman, der diesen sich über ein Jahr hinstreckenden Arbeitskampf aus verschiedenen Perspektiven nachzeichnet. Inzwischen ist er auch auf Deutsch erschienen.

Da gibt es die Bergarbeiter Peter und Martin, die als Streikposten auf immer verzweifelterem Posten stehen, ihre Partner einbüßen und ihre Existenz verlieren; da ist "der Jude“, ein massiv antisemitisch gezeichneter Drahtzieher und Intrigant als Handlanger Thatchers; da ist sein Faktotum Neil, der selbst als Doppelagent alle möglichen Verschwörungen bis zu Morden anzettelt; und da ist Terry, der Finanzchef und Consigliere des Bergarbeitergewerkschaftschefs Arthur Scargill, der die Streiks organisiert, fremdgeht und letztlich versucht, einen Teil der verbliebenen Streikkassa für eine Flucht ins Ausland zu akquirieren. Am Ende gibt es nur Verlierer: die Bergarbeiter, die Gewerkschaft, die Gesellschaft. Nur Thatcher erhebt sich siegreich über diesen Trümmerhaufen.

Das Ganze ist enervierend zu lesen, weil jedes Kapitel mit einem anderen Protagonisten unvermittelt beginnt und dadurch der Fluss der Erzählung verloren geht. Doch wegen der Personenzeichnung und der Verdeutlichung des Prozesses zunehmender Verelendung und der Verhärtung der Positionen der Oberen ist das Buch absolut lesenswert. Kein "Marienthal“, aber als Mahnung vor der Besessenheit, die Gesellschaft zu zerstören, wichtig.

David Peace: GB84. Liebeskind, 544 S., € 25,50


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