Enthusiasmuskolumne  

Fein sein, allein bleibn!

Diesmal: die beste Rückzugszone der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 25/14 vom 18.06.2014

Eigentlich ist es schon unglaublich, wie viel Schönes passiert! Angesichts der Breite an Bespaßungsangeboten, die uns auszurichten alle Welt sich angelegen sein lässt, könnte man zumindest für den Innergürtelbereich probeweise ein mehrmonatiges Meckermoratorium verhängen.

Diese Zone zählt nämlich fraglos zu den privilegiertesten Winkeln der Welt: Man kann sich ins Kino, ins Theater oder in die Oper setzen, ins Museum oder auf ein Stehkonzert gehen, und die Wahrscheinlichkeit, dass es toll gewesen sein wird, steht nicht schlecht. Es hat dort Schanigärten, Würstelstände, Boulebahnen, Friseursalons mit Nudelsuppenservice und überhaupt: Infrastruktur satt!

Die Festwochen liefen noch, schon konnte man Fußball-WM schauen, und van Persie versenkte mit einem Wahnsinnsflugkopfball die Frucht hinter Iker "Könnte ich noch Schokostreusel auf meinen Latte haben?“ Casillas und versetzte der unter österreichischen Fußballkommentatoren bizarr weit verbreiteten Spaniengutfinderei den ersten von insgesamt fünf Dämpfern.

Und dennoch ist es mitunter schwer, all das Wunderbare, das sich ereignet, hinreichend zu würdigen, weil ja dann doch wieder einer vergessen hat, vor dem Liederabend sein Handy abzuschalten oder an der Asphaltstrandbar garantiert ein paar Leute zur falschen Mannschaft halten und das falsche Dosenbier trinken.

Da ist es dann hilfreich, den Gürtel auch einmal zu überschreiten und einen Gastgarten ohne Beschallung, Public Viewing und Laptopbenutzer aufzusuchen, um sich im Schatten des Kastanienbaums ganz individuell der Lektüre hinzugeben. Zu den passenden Begleitgetränken, die der Kellner auf Wunsch serviert, knallt das Hauptsatzstakkato aus dem neuen Streeruwitz-Roman gleich noch besser rein!


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