Fragen Sie Frau Andrea

Oi oi oi, schicker ist der Goi!

Kolumnen | aus FALTER 25/14 vom 18.06.2014

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

wir haben da also den Life Ball angeschaut, eine seltsame Sache das Ganze, etwas öd, aber doch irgendwie bunt. Auffallend rot waren die Nasen der Promireporter, es war ja kalt. An der Sprache aber ließ sich erkennen, dass die trotz oder wegen der Temperatur alle angeschickert waren. Bitte, das sagt sich so leicht, aber woher kommt der Ausdruck eigentlich?

Liebe Grüße, Barbara Malthes,

Volkertviertel, per Gesichtsbuchdirektnachricht

Liebe Barbara,

das Schickern und sein Effekt, das Angeschickertsein, haben nichts mit dem Schick oder seinem französischen Original, dem chic, zu tun und auch nichts mit Geschicklichkeit oder Schickeria. Obschon es das Bundesdeutsche als Sprachtransporter benutzt, kommt das Schickern, das Sich-einen-Antrinken, aus dem Jiddischen, wo der Schicker den durch Alkohol herbeigeführten, meist vorübergehenden Zustand bezeichnet. Vater der Wortfamilie ist der Schikkor, Schikker, der Betrunkene, Berauschte, der Trunkenbold, gern auch der nichtjüdische Angesäuselte, der betrunkene Orel oder Goi. Im augenzwinkernden Refrain heißt das dann: "Oi oi oi, schicker ist der Goi!“ Treten Schicker, Beschickerte, Angeschickerte in der Gruppe auf, nennt sie das Jiddische die Schikorem, Schikoren. Wir sehen, es ist nicht mehr weit zum Schifohren.

Das Wienerische, mögen Sie einwenden, hat andere Ausdrücke. Gewiss. Das Dschechan etwa und das davon abgeleitete Audschechatsei (Angetschechertsein). Dem Dschechan (Trinken) geht der Dschecharant (der Trinker) in einem Dschech(al) oder Dschoch(al), einem Wirtshaus, nach. Die Sitzung nennt der Wiener Dschecharei. Die Volksetymologie hat die Wortherkunft des Dschech(al) fälschlicherweise einem Kaffeehaus am Graben zugeschrieben, dessen seinerzeit berühmter Besitzer Czech geheißen haben soll. Dem kann leicht widersprochen werden. Über Scheicher, Schecher, Schechor, das berauschende Getränk, das Bier, und seinen Wirt, den Schecher, Schächer, Schöcher, kommt auch das urwienerische Dschechern, Dschechan und seine Verwandten aus dem Jiddischen. Das Schickern und das (D)schechan sind also Geschwister.

Der Tschik ist nur scheinbar ein Cousin. Der Qualmstängel kommt bekanntlicherweise von der Zigarette. Mehr darüber auf Nachfrage.


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